Full text: [Rezension:] Berthold des Franziskaners deutsche Predigten aus der zweyten Hälfte des dreyzehnten Jahrhunderts (..), hrsg. von Christian Friedrich Kling. Mit einem Vorwort von Dr. A. Neander. Berlin 1824

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 29 
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256 Altdeutsche Predigten. XXXII. Bd. 
z. B. 4^2, als er lehren will, wie man in der Ehe leben solle: 
ihr geistlichen Leute, geht jetzt heim! oder 446: da könntet ihr 
andere schlafen; oder hört mit ihnen zu; vielleicht seyd ihr auch 
bald Eheleute! Dafür wird er selbst namentlich angeredet oder 
angerufen durch scheinbare Einwürfe, die er den vorgetragenen 
Lehren entgegenstellt. Beyspiele in den oben gegebenen Auszü 
gen. Oder er nimmt wirklich gemachte Einwendungen frisch 
auf, die ihm zu Ohren kommen, S. 435: man hat mir gesagt, 
daß gestern einer sprach: »pfi Bruder Bert hold, du predigst 
so gar schreckenhaft von unrechtem Gut, daß ich beynahe verzwei* 
felt bin.« Das wäre mir Leid, o welche Macht Reue und 
Buße vor Gott hat! Aber, fügt er hinzu, ihr Unschuldigen laßtö 
euch nicht verdrießen. Wie heilig die Buße sey, Unschuld ist 
noch tausend Mal besser. Eure guten Werke wachsen euch zum 
Lohne, darum hütet euch vor Sünden. Ihr junge Welt, hatte 
man e u er n V a t e r n so gepredigt von dem großen Scha 
det, sie hätten sich besser behütet. Laßt euch nicht weisen aus 
euerm linden Wege, und ihr Sünder nicht ans euern harten We 
gen! — Mit derselben Lebhaftigkeit werden die Sünder nach ih 
ren einzelnen Verbrechen angefahren, gewöhnlich mit dem Aus 
rufe pfi} der in der alten Sprache einen weit allgemeineren Sinn 
hatte, als unser jetziges pfui; pfi du relite tcerin! 58. pfi si- 
mon! 13. pfi trüllerin ! 126. pfi fräz! 196. pfi Verräter! 
5q und in fast allen Predigten pfi gitiger! Selbst diese und 
ähnliche Wiederholungen, wieder nach jedem Verdammungsur- 
theil mild hinzugefügten Klausel: Buße und Reue ausgenommen! 
müssen zum Nachdruck beygetragen haben. Dahin gehören auch 
seine Lieblingsformeln.' du mußt so lange zur Hölle seyn, als 
Gott ein Herr im Himmel ist, i33, 193, 200, und: der Teufel 
wird dir den Lohn dafür geben, ihm zerrinne dann alles Feuers, 
das er irgend har! 70, 126, 307, 319, 382. 
Ich bin unvermerkt wieder in die Eigenheiten der Bertholdi- 
schen Beredtsamkeit hineingerathen, von denen ich lange nicht 
alles, doch genuq angeführt habe, um auch andere zur Lesung des 
merkwürdigen Buches zu reizen. Keins unter den verwichenen 
Jahrhunderten ist in vieler Beziehung unserer Gegenwart so ver 
gleichbar, wie das dreyzehnte, ich meine in Empfänglichkeit für 
r sittliche und geistige Ausbildung. DaS feine, gesellschaftliche Le- 
^ tan ^ k ctma ^ in manchen Stücken auf der Spitze, für äußer- 
/' c ' riches Benehmen und Betragen scheint eine feste Regel gegolten 
zu haben, die später ganz verwilderte? Und selbst diese Verfeine 
rung zeigt sich noch deutlich im Zusammenhang mit der älteren 
rohen Zeit, aus der sie wie eine Blüte hervortrat, während die 
Lebensart unserer Tage oft aus der Fremde geborgt, und, so gefäl 
lig sie dünken mag, undeutsch ist.
	        

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