Full text: [Rezension:] Berthold des Franziskaners deutsche Predigten aus der zweyten Hälfte des dreyzehnten Jahrhunderts (..), hrsg. von Christian Friedrich Kling. Mit einem Vorwort von Dr. A. Neander. Berlin 1824

i8a5. 
Altdeutsche Predigten. 
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angeführten Notiz, oder wer ihr Verfasser seyn mag, vermengt 
ohne Zweifel den jünger» mit dem altern. Die in mehreren Hei 
delberger Hss., namentlich Cod. XXX und XXXUIfvorräthige, 
von einem Bruder Berchtold verfaßte Uebersetzung bet summa 
confessorum des Johannes von Freiburg kann nicht dem 
ältern zugeschrieben werden. Einmal ist Johannes selbst (der 
auch den Beynamen Teutonicus führt) beynahe um eine Ge 
neration jünger, als Berthold; Johannes starb »314. 
Und wollte man, des vermutheten frühen Todes Bertholds 
halber, beyde ungefähr zu Gleichlebenden machen, so ist durch 
aus unwahrscheinlich, daß ein berühmter Minorit sich dazu her 
gegeben haben sollte, das Werk eines Predigermönchs, was Jo 
hannes war, zu verdeutschen. In seinen Reden kam ja sogar 
Anzügliches gegen die Dominikaner vor. Der Uebersetzer ist viel 
mehr ein erst in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts leben 
der anderer Bruder Berthold, selbst des Predigerordens, ver 
muthlich der, den Quetif (script. ord. praedie. r, Öd 1) Ber- 
tholdus de Maissberch (?) nennt. Die Verdeutschung wurde 
übrigens oft gedruckt und gerade zuerst in Augsburg 1472 
(»von larein in teutsch gemacht durch ein hochgelerten man Bru 
der Bericht old*) predr'aerordens«), vgl. PanzerAnn. S. 62. 
Bertholds Predigten nöthigen mich, eine Vorstellung 
aufzugeben, die man sich über die Zeit, Art und Weise der Bil 
dung unserer Prosa zu machen pflegt. Die Prosa soll erst nach 
dem dreyzehnten Jahrhundert entsprungen und hauptsächlich durch 
die sogenannten Mystiker g fördert worden seyn. Wer nun Not 
kers Schriften näher kennt, und zumal dessen Uebersetzung und 
Bearbeitung des M a r t i a n u s C a p e l l a und des B 0 e t h i u s 
gelesen hat, der weiß, daß schon im zehnten Jahrhundert (und 
warum nicht früher ?) die deutsche Rede auch dichterisch ungebun 
den es aufnehmen konnte mit allem dem, was man lange Zeiten 
nachher, seitdem Poesie wie Prosa in größte Verderbtheit gera 
then waren, zum ersten Male als etwas völlig neues zu wagen 
meinte? Der Bildung des Geistes ungünstige Zeiträume verhee 
ren Poesie und Prosa, beyde zusammen. Wie manches von dem, 
dessen sie früher mächtig waren, ist uns unwiederbringlich ver 
loren gegangen. Warum man aber mit der im dreyzehnten Jahr 
hundert durch die Dichter gehobenen Sprache nicht auch in Prosa 
hätte anfangen können, was man wollte, wäre schwer zu begrei 
fen. Es war Sitte, beynahe alles der Niederschreibung würdig 
*) Berchtold und Berthold sind e i n Name, von dem Adj. 
berlit (clarus) mit dem Formativ -old5 daher besser berlitolt 
als bertholt geschrieben und S. 92, unrichtig bort .holt getheilt 
wird.
	        

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