Volltext: [Rezension:] Berthold des Franziskaners deutsche Predigten aus der zweyten Hälfte des dreyzehnten Jahrhunderts (..), hrsg. von Christian Friedrich Kling. Mit einem Vorwort von Dr. A. Neander. Berlin 1824

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Altdeutsche Predigten. 
undminor), S. 168, 169, Die Menschen sollen bey Nacht 
an den »oberen huocben« lesen, und sich erbauen. Das Sie 
bengestirn heißt der Wagen. (Schon Orfried V. 17, 67 
thaz sibunstirri ioh t/uro wagono gistelli; Dichter des drei 
zehnten Jahrhunderts mehrmals 6er wagen oder die himmel- 
wagene.) Vier Sterne daran sind gestaltet als vier Räder am 
Wagen, damit man über Land fahrt. Die vier Räder bezeichnen 
vier Haupttugenden, ohne welche man nicht in den Himmel 
fahren kann, sonst fällt der Mensch von dem Wagen in den 
Abgrund der Hölle. Wer den Wagen erkennet, 8er mag ouch 
ein \ileines wegeiln wol erkennen In ihm fahren die kleinen 
Kind lein aus gen Himmel, die noch keine Tugend haben außer 
den vier Tugenden der Taufe (beschrieben S.442), geschieht die 
Taufe unordentlich, so gedriftet ihnen auch eines der vier Rad- 
lein, und sie gelangen nicht zur Seligkeit. Nü sehet, ruft 
Berth 0 ld seine Zuhörer an, wie ir üf dem micheln wagen 
ze dem himelriche sület körnen, des kleinen wagenes be 
dürfet ir niht. Man sieht, welche Menge jetzt untergegange 
ner Ideen über das Verhältniß der Natur zu dem inneren Men 
schen jene frühere Zeit belebten, und darf eingestehen, daß selbst 
unrichtige und abergläubische das Gemüth und die Phantasie 
reich machen konnten; heute wird der gemeine Landmann zwar 
frey gehalten von vielen offenen Irrthümern, aber er sieht die 
Natur ziemlich stumpf an. Die Anfangsgründe des reinen, 
unvermischten Wissens haben etwas unpopuläres, und erst ein 
gewisser Zusatz von Dichtung vermag sie unter das Volk zu brin 
gen. Der Vorrath von Begriffen, der das dreyzehnte Jahr 
hundert befriedigte, kann nicht mehr für uns zum Muster dienen, 
allein er war für damals nicht unangemessen, und füllte einiges 
aus, was jetzt leer steht. — Am ähnlichsten zu allen Zeiten blei 
ben sich die Fehler und Leidenschaften der Menschen. Was 
Bert hold wider die Verletzung der Sonntagsfeyer pre 
digt , hatte sich in allen folgenden Jahrhunderten wieder 
holen lassen. S. 64: so varnt sie nü an dem heiligen 
suntage und an den heiligen zwelf boten tagen mit wa- 
genen und mit kamen und mit rossen und mit eselen 
über velt und über lant, üf die merkte, in die stete und. 
in diu dorf. Dü kneht, dir tuot din her re unreht, der 
dich an den ruowetagen deheiner arbeit muotet fürbaz 
danne du im sin yihe uz und in tribest an die weide oder 
ez im däheime etzest und trenkest, wan daz enmac man 
niht üf geschieben unz an den andern tac. Und du dierne, 
din meisten tuot dir unreht oder din her re oder din frouwe, 
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