Full text: [Rezension:] Berthold des Franziskaners deutsche Predigten aus der zweyten Hälfte des dreyzehnten Jahrhunderts (..), hrsg. von Christian Friedrich Kling. Mit einem Vorwort von Dr. A. Neander. Berlin 1824

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Altdeutsche Predigten. 
XXXII. Bd. 
druck steht ebenso S. I()i)und daz daz mit gotes willen wnrre, 
wanne er wünschete etewez, daz er begert, vergl. Kinderm. 
3, 162.— Der astronomischen Einsichten Bertholds ist 
schon oben gedacht worden bey Gelegenheit der Sonnenfinsterniß. 
S. 287 theilt er seine Vorstellung von dem ganzen Weltgebäude 
mit. Die Erde ist ihm der Dotter im Ey, die Luft das Eyweiß, 
der umschließende Himmel die Eyschale. Das Firmament läuft 
um, wie eine Scheibe, von Osten gen Westen, es würde der 
ungeheuern Weite und Schwere wegen in der Kraft seines Um 
laufs zerbrechen, wenn ihm nicht die von Westen gen Osten lau 
fenden sieben Planeten das Gegengewicht hielten. Die Gestirne, 
die jetzt ob uns sind, die sind zu Mitternacht unter uns. Einige 
Leute sprechen, es sey eine Welt unter uns, und die haben die 
Füße gegen uns gekehrt, das ist in keine Weise nicht. Die 
Welt schwebt auf nichts, als auf der Kraft Gottes. Wäre es 
möglich, daß eine Grube durch und durch das Erdreich gehauen 
würde, so könnte man jetzo am Tage unten die Sterne am Him 
mel stehen sehen, und wann es Nacht bey uns ist, leuchtet unten 
die Sonne. S. 299: der Mond ist der allerunterste und nie 
derste Planet/ er ist so breit, als ein Dreyßigstel der Erde (ob 
daz also ist, daz läzen wir hin ze den meistern, die davon 
lesent). Volksmäßiger ist, daß er S. 144, 145 die Mond 
flecken aus den Thränen Maria Magdalenas deutet. Die 
Sonne bezeichnet Maria, Gottes Mutter. Der Mond aber 
Maria Magdalena: daz sie so gar vil ge wein de daz 
bezeichent ein dinc, daz ir sehet in dem manen , daz ist 
gar dunkel und truebe. Und wie er dieser Flecken ungeach 
tet dennoch leuchtet, so benehmen auch die bereuten und bewein 
ten Sünden der Heiligen ihr Licht nicht. Ich habe eine ähnliche 
Deutung noch nie gelesen (es gibt sonst ganz andere, vgl. Iri 
sche Elfenmärchen S. 226), unstreitig ist sie nicht von B e r- 
thold erdichtet worden. Viel alter heidnischer Volksglaube von 
den Gestirnen wurde auf christliche Heiligen übertragen. S. 181 : 
Gott hat auch eine schöne, mit Sternen gezierte Krone an 
den Himmel gesetzt (geschriben), sie stet niht verre von 
dem wagen. Da stet sie als gezeichenliche und alse schone 
und stet ein rise däbi mit einem grozen kolben, den bat er 
in der hant, und der rise ist groz und gar michel und 
huetet der krönen j in solicher wise, als ob man sie welle 
nemen. Er meint das Sternbild Bootes, der als Riese mit 
Kolben dargestellt wird, nach der griechischen Ansicht aber nicht 
die Krone, sondern den Bären hütet («pzro^u/iag). Wohlge 
fällig und neu ist die Auslegung der beyden Wagen (ursa major
	        
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