Full text: [Rezension:] Berthold des Franziskaners deutsche Predigten aus der zweyten Hälfte des dreyzehnten Jahrhunderts (..), hrsg. von Christian Friedrich Kling. Mit einem Vorwort von Dr. A. Neander. Berlin 1824

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Altdeutsche Predigten. 
XXXII. Bd. 
Eines höfischen, gebildeten Dichters, an welchen zu seiner Zeit 
und in seiner Gegend kein Mangel war, thut Bert hold in 
den hier abgedruckten Predigten nicht Meldung, er mochte sie 
und ihre Werke wohl kennen. Wenn es S.2i5 heißt: und da 
von singet man von den mertelern : unser sele sint enbun- 
den, als der spar von dem stricke der jagenden , so ist aber 
ein kirchlicher Spruch, der reeitirt wird, gemeint, kein Ge 
dicht. S. 229 führt er einen Leisen (ein Kyrie eleyson) 
wörtlich an: 
nu bitten wir den heiligen geist 
umbe den rehten glouben allermeist, 
daz er uns belmete an unserm ende 
so wir heim suln varn uz disem eilende. 
Kyrieleis. 
Dieses Lied steht noch fast wörtlich so in heutigen evangelischen 
Gesangbüchern (z. B. dem Porstischen Nr. 160). Er waj* ein 
wiser man, sagt Berthold, der daz selbe liet von erste 
vant. Wenn es aber so alt ist, so kann Luther, dem es bey 
gelegt wird (W e tz els Hymnopceographia, Thl.I. @,120 ff.) 
wenigstens den ersten Vers nicht gedichtet haben, übrigens be 
stätigt sich die Genuinität der Lesart umbe den rehten glouben 
und nid)t in dem r. gl. Merkwürdig ist S. 3o8 die Erwähnung 
^ ketzerischer Lieder. Ez wai ein verworhter ketzer, der 
mähte liedev von ketzerte und lene sie diu kint an der strdze> 
daz der liute dester mer in ketzerie vielen. Und dar umbe 
Siche ich gerne, daz man lieder von in sünge. Berthold 
erkennt die Eindringlichkeit ketzerischer Gesänge in der Landes 
sprache, und wünscht, daß ihnen rechtgläubige entgegengedichtet 
würden. Ich wolte halt gerne, daz man lieder davon (von 
den Irrthümern der Ketzer) sünge. Ist iht guoler meister 
hie, daz sie niutven sanc davon singen, die merken mir 
disiu siben wort (die vorhin angegebenen sieben Kennzeichen 
der Ketzerey) gar eben und machen lieder davon; und ma 
chet sie kurze und ringe (kurz und leicht verständlich), daz sie 
hinderlich (jedes Kind) wol gelernen müge. Wan so ge- 
lernent sie die liute algemeine diu selben dinc und vergez- 
zent ir dester minner. Wenn jene ketzerische Poesie so gewirkt 
Hat, daß ein geistlicher Redner sie mit gleichen Waffen zu bekäm 
pfen auffordert, so muß sie von mehr Gehalt gewesen seyn, als 
die Leisen der Geißelfahrer, von welchen einiges auf die Nach 
welt gekommen ist. Bertholds gemuthmaßte Bekanntschaft 
mit weltlichen Dichtungen stützt sich mehr auf seine innere Leben 
digkeit, die ihm ein so wesentliches Element des damaligen Zeit 
geistes nicht verbergen konnte, als auf gelegentliche Aeußerun-
	        

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