Full text: Gudrun

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 212 
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auf den Gedanken der Bearbeitung beziehen will, erregte bereits weniger 
Aufmerkfamkeit; zudem entfernte fich die Zeit reifsend fchnell von dem 
Gefchmack an folchen heimifchen Sagen. Difs hinderte jedoch den hoch- 
gefinnten Kaifer Maximilian nicht, fich das Lied als Beftandtheil einer 
Sammlung, genannt Heldenbuch an der Etfch, abfchreiben zu laffen, im 
Jahr 1502 und den folgenden. Dadurch hat er uns diefen koftbaren 
Schatz erhalten, nebft einem andern der ohne diefe Ambrafer Hand- > 
fchrift gleichfalls verloren wäre, dem Erec Hartmanns von Aue. 
Als einen Halt für die Zeitbeftimmung kann man auch noch einige 
Stellen aus Dichtern des 13. Jahrhunderts anlühren, die des Liedes von 
Gudrun zwar nicht ausdrücklich gedenken, aber doch, wie es fcheint, von 
demfelben angeregt waren, und bei ihren Zuhörern die Bekanntfchaft mit 
ihm vorausfelzen konnten. Es ift insbefondere die Geftalt Horands, des 
unvergleichlichen, glücklichen Sängers, welche die Dichter anzog. Ihn 
nennen das Gedicht vom Weinfchwelg (1230—40), Boppe (um 1270), der 
Wartburgkrieg (um 1290). Da er auch fchon in Salomon und Morolf (um 
1190), alfo lang vor Abfaffung unferes Gedichtes erwähnt wird, fo ift 
man allerdings nicht genothigt anzunehmen dafs er ihnen gerade nur 
aus diefem bekannt gewefen fei; doch hat es ganz gewis beigetragen 
feine Geftalt beliebter und bekannter zu machen. Fruotes Freigebigkeit ; 
ferner braucht Meifter Sigeher, um den König Wenzel I. von Böhmen 
(f 1253) in diefer Beziehung zu preifen; der Tanhüfer endlich (um 1250) 
nennt Gunrun (Gundrun vgl. S. XXXVIII). Abgedruckt find die betreffenden 
Stellen in der Heldenlage von W. Grimm (S. 331) und in der Gudrun 
von San-Marte (S. 229). 
Entstehung des Liedes. 
Die Heldenfage war, wie der alte Götterglaube, als deffen Verwand 
lung fie ohne Zweifel betrachtet werden darf, ein Gemeingut, jedem 
bekannt und geläufig. Fettgehalten, und folgenden Gefchlechtern über 
liefert, wurde fie von der älteften Zeit her durch einzelne Gelange. 
Was Tacitus von den Germanen des erften Jahrhunderts nach Chriftus 
meldet, Lieder feien bei ihnen das einzige Mittel gefchichtlicher Ueber- 
lieferung gewefen, 1 das galt auch für ihre Nachkommen lange Zeit noch 
1 Celebrant carminibus antiquis, quod unum apud illos memoriae et annalium genus 
eft, Tuisconem ... Germ. II.
	        

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