Full text: Gudrun

<m$ lxiii qm 
in den Sinn gekommen wäre, man wollte denn annehmen es fei irgend ein 
anderer, niederdeutfcher Wefterwald gemeint. 
Das Gudrun-Lied läfst fich demnach in Betreff feiner doppelten Heimat 
mit dem Beowull'-Lied und der Wilkina-Sage vergleichen. Wie jenes von 
einem Angelfachfen nach dänifchen, diefe von einem Scandinavier nach 
norddeutschen Berichten abgefafst ift, fo unfere Dichtung von einem Ober- 
deutfchen, nach Quellen die ihm aus Niederdeutfchland gekommen waren. 
Der Sachfenhafs den Str. 1503 ausfpricht, kommt natürlich nur auf Rech 
nung des oberdeutfchen Verfaffers, da die Sage felbft ja eben aus Nieder- 
fachfen ftammt. Auch diefer Umftand beweift wieder, wie wenig klar 
diefes Mannes Vorftellungen von der Heimat und dem Schauplatz der 
Sage waren. 
Wo nun aber, und wann und wie diefer Mann gelebt habe, läfst fich 
genauer nicht fagen. Er giebt nirgends Andeutungen aus denen eine 
diefer Fragen mit Beftimmtheit cntfchieden werden könnte. Nur der 
Schlufs des Gedichtes, wo er, mit einer gewiffen Zudringlichkeit gegen 
feine Zuhörer, erzählt wie reich die vier neuvermählten Könige die 
Sänger befchenkt haben, läfst fchliefsen dafs er zur Zahl der fahrenden, 
gehrenden Leute gehört habe. Eben darum aber wird es nicht möglich 
fein, aus der Erwähnung einzelner Landfchaften einen Schlufs auf feine 
Heimat zu ziehen. Str. 744 wo er von Feiten in Schwaben, 861 wo er 
von fchneebringenden Alpenwinden fpricht, geben da fo wenig einen Anhalt, 
als wenn jetzt ein Bewohner Berlins andeutet dafs er bei der Enthüllung 
von Schillers Denkmal gewefen fei, oder die Ausficht vom Rigi kenne. 
Etwas mehr läfst fich über die muthmaafsliche Zeit der Abfaffung 
fagen. Doch mufs diefer Begriff zuvor ficher eingegrenzt werden. Wie 
oben von einer doppelten Heimat des Liedes die Rede fein konnte, fo 
ift es auch hier nöthig die Abfaffung des Liedes zu fcheiden von der 
der Sage. 
Wann hat die alte Göttermähr fich entfchloffen ihren irrenden Flug 
aufzugeben, und am Gcftade der Nordfee von einer irdifchen Heimat 
Befitz zu nehmen? Wann ift aus der geflügelten Walkürie die holde, 
treue Königstochter geworden? Wann hat fich der düftere Hedhin umge- 
ftaltet in den ritterlichen Hartmuot? Es ift eben bemerkt worden dafs 
die Normannen des Liedes anfänglich nicht franzöfifche, fondern feandi- 
navifchc gewefen feien. Diefe Verwechslung war nur möglich in einer
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.