Full text: Gudrun

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 212 
LIX 
wenn Gudrun klug die Streiterzahl ihres Räubers fchwächt (1314), fo 
liegt hierin die Ahnung des Gedankens dafs beim Nahen des Lenzes der 
Winter feine Streitkräfte fchwinden fieht, gleichfam von allen Seiten ver- 
rathen ift. 
Auch die Zeitangaben find in diefer Hinficht merkwürdig. Um Weih 
nachten, wo die Sonne fich zu neuem Sieg wendet, mahnt Hilde die 
Getreuen zum Heerzug der ihre Tochter befreien foll (1075), der aber, 
wie alle Friften in Gottes Schöpfung, längft auf die beftimmte Zeit verab 
redet ift (1088. 1091. 1097). Um den Palm tag (1192), im kalten Merz 
(1216—18) naht die Befreiung, die ein Frühlingsbote, nemlich ein Vogel, 
vielleicht Storch oder Schwalbe, von Gott gefandt (1197), den mishandelten 
anfagt. Nachdem ferner die Befreier fchon da find, und die Braut und 
Schwefter nur fortführen könnten, dürfen fies doch nicht thun (1255 ff.); 
ja nachdem des Feindes Macht gebrochen ift, mufs Gudrun noch einige Zeit 
in Kaffiane weilen, bis man das übrige Land unterworfen hat (1536. 1545—43). 
Mit andern Worten: auch wenn der Winter befiegt liegt, wirkt er noch 
nach, indem der Blumen- und Blätterfchmuck zögert hervorzubrechen. 
Daher kehrt Gudrun zu ihrer Mutter erft im Mai zurück (1571). Diefer 
Zug, die verfpätete Heimkehr, findet fich anderwärts a!s*Verfchiebung der 
Ehe mit dem Erretter: Herwig darf ohne rechten Grund die Verlobte nicht 
fogleich fortführen (Str. 666. 667.); Hagen mufs mit Hilden, nachdem die 
Greifen erfchlagen find, erft ein Schiff abwarten; Sigfrid mufs erft um 
Krimhilden durch neue Thaten dienen; Sigurd darf nicht bei Brunhilde 
weilen, nachdem er fie erweckt; Parcival nicht bei Condwiramurs, nach 
dem er fie von Feinden befreit; Triftan mufs Ifolden, die Er erworben, 
einem andern überlaffen. 
Von Zügen diefer Art liefse fich in unfrem Gedicht, wie überhaupt 
in allen verwandten, eine reiche Lefe machen; es wird aber Zeit uns einer 
andern Frage zuzuwenden: zu unterfuchen wann, wo, durch wen, die 
Dichtung ihre jetzige Geftalt erhalten habe. 
Heimat und Alter des Liedes. 
Es ift den Kennern untres Gedichtes im bisherigen wohl aufgefallen, 
dafs die zahlreichen Andeutungen über den Schauplatz auf den es uns 
verfetzt, keine Beachtung gefunden haben. Zugleich aber werden He fich
	        

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