Full text: Gudrun

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S. 262 unbedenklich Frau Hilde für Frau Hulda, und nach S. 394 findet 
fich diefe zuweilen durch eine andere Walkürie, Thrfidr (virgo), vertreten. 
Es ift aber auch in den Begriffen Verwandtfchaft zwifchen Hilde und 
Hulda. Wie fich Högnis Tochter bei Snorro zuerft einfach als liebrei 
zende Jungfrau, nachher aber als zauberkundige Walkürie zeigt; fo ift 
Hulda zwar, wie fchon ihr Name fagt, die holde, gütige, die daher bei 
einigen deutfchen Stämmen Berchta (die glänzende) heifst; die goldene 
Gefchenke fpendet, von der die Fruchtbarkeit kommt, die den Feldbau, 
die Viehzucht und den häuslichen Fleifs befchützt, die fich im hellen Son- 
nenfchein fehen läfst und auf die Erde den fchützenden Schnee wirft; zu 
gleich aber auch die heeranführende Göttin, die nächtliche Jägerin, die 
gefpenftifch erfchreckende. In deutfchen, dänifchen und fchwedifchen 
Volksfagen erfcheint fie daher bald jung und fchön, bald alt und finfter; 
nach einigen vorn fchön und hinten häfslich, fogar durch einen Schweif 
entftellt. Deswegen konnte Hulda in der deutfchen Sage zur fchrecken- 
den Frau Holle, zur Hexenmutter, werden. Es ift alfo nicht unmöglich 
dafs ihr Begriff und ihr Name mit dem der Hel, der Göttin der Unter 
welt, zerfliefsen, die ebenfalls halb fchwarz, halb weifs gedacht wurde, 
und für die Saxo (vgl. S. XXVI) ganz paffend Proferpina fetzt. Viel 
leicht liegt auch in dem Namen neben dem Begriffe des Geneigtfeins, 
wlcher allerdings der vorherfchende fcheint (Myth. 244. 249. 899), der 
des Verborgenfeins, wie in unferem Hülle und in den altnordifchen 
huldr (obfeurus, celatus), hulda (obfeuritas). Es ift derfelbe Fall mit der 
lateinifchen Wurzel die diefer deutfchen entfpricht: fie zeigt in colere 
die erftere, in celare die letztere Bedeutung. 1 
Einzelnes was von Holda berichtet wird, erinnert auch an Züge des 
Gudrun-Liedes: wie die Göttin zuweilen ftatt der herrlichen Geftalt mit 
ftruppigem verworrenem Haar, graugekleidet und alt erfcheint, fo die 
fchöne Gudrun mit ihren Jungfrauen während ihrer Gefangenfchaft. Es 
hat difs wohl bei beiden urfprünglich den gleichen Sinn: die Erde zeigt 
fich als Braut des Sommers leuchtend, fchön und mild; in der Haft des 
Winters finfter, häfslich und fchreckend. Blickt man von diefem Ergebnis 
zurück auf Perfephone, fo mufs man allerdings zugeben dafs ihre germanifche 
Schwefter ihr nicht völlig entfpricht, weil Hulda, wovon freilich auch bei 
1 Wackernagel, Wörterbuch zum Altdeutfchen Lefebuch unter halt, halten. Der vermit 
telnde Begriff fcheint neigen (in Freundlichkeit oder zum Verfchwinden).
	        

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