Full text: Gudrun

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, 
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da wo der Bau des Gedichtes Eintreten von Gewalt nöthig macht, diefe 
von einem verfchmähten Freier herrührt. Wenn z. B. in Gd. III er 
klärt werden foll warum Hetel feine Tochter gegen Hartmuot nicht 
beffer fchützt, fo greift die Sage, wie fchlafwandelnd, nach jenem fchon 
oft gebrauchten Mittel: um der Jungfrau willen beginnt einer Krieg, 
Sigfrid gegen Herwig. Natürlich wird hievon blofs infoweit Gebrauch 
gemacht als nöthig ift: Sigfrid erreicht fein Ziel nicht. Er hat überhaupt 
in der Erzählung keinen andern wirklich eingreifenden Beruf, dient alfo 
wieder als Beleg für den früher aufgeftellten Satz, dafs die Sage, wo fie 
neue Gcftalten braucht, ihrer Abneigung gegen willkürliche Schöpfungen 
folgend, die fchon fertigen fpaltet, fo hier den verfchmähten, darum Gewalt 
brauchenden Freier, als deffen erften Keim wir Hedhin gefunden haben. 
Die angewendete Gewalt erfcheint bald rein, wie in Gd I, H, Gd III; 
bald im Bunde mit Lift, wie in Gd II und in Tr, zum Theil auch in 
Gd III, fofern Hartmuot Späher unterhält um einen günftigen Augenblick 
zu erhafchen. Difs bildet den Uebergang zu dem andern oben berührten 
Zuge, dafs nemlich die Jungfrau dem Entführer gewogen ift. In 
der älteften Sage lautete difs wohl nur fo, dafs fie den urfprünglichen 
Widerwillen gegen den Entführer nicht beibehielt. So bleibt Perfephone 
als Königin der Unterwelt bei Pluto, fo fucht in Sn die Hilde anfänglich 
Vcrföhnung zu ftiften, muntert aber nachher den Hedhin zum Kampf 
auf, erweckt Nachts durch Zauberkünfte die gefallenen Hiadhninge wieder. 
Später gieng hieraus ein urfprüngliches Einverftändnis hervor: bei S. I fafst 
Hilda zu Hithinus, noch ehe der Vater um die Werbung weifs, die hef- 
tigfte Liebe; in Gd II und in W reichen Hilde, in Tr Helena, gewonnen 
durch Gefang und andere Verführungskünfte, dem Entführer die Hand 
zum liftigcn Anfchlag. Einiges hievon hat fich fogar in Gd III erhalten: 
Gudrun ift dem Hartmuot und ebenfo deffen Doppelgänger Sigfrid 
gewogen, rettet am Ende jenem das Leben, forgt beiden für Gattinnen. 
Doch verleugnet fie nirgends die Keufchheit und Treue durch die ihre 
Geftalt vornemlich anzieht, im Gegentheil adelt jener Zug ihren Wider- 
ftand gegen Hartmuots Werbung nur noch höher. 
Deutung der Gudrun-Sage. 
Thut die hiemit gefchloffene Vergleichung wirklich dar, dafs der ein 
fache Kern aller hier zufammengeftellten Sagen die Jungfrau heifsen
	        

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