Full text: Gudrun

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 212 
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wird und fomit Hctels Stelle vertritt. Wie im Biterolf bricht auch hier 
der Bericht mit der glücklichen Entführung ab; kein Retter zeigt fich die 
Geraubte zurückzuholen. 
Zu diefen füdlichen Darftellungen untres Stoffes gefellen fich nun 
einige nordgermanifche, von Norwegern y Angelfachfen und Dänen. 
Befonders merkwürdig, weil zufammenhängender als alle bisher auf 
geführten Seitenzweige der Gudrun-Sage, find die welche der feandina- 
vifche Norden, der abgelegene treufteBewahrer altgermanifcher Sitten und 
Kunden darbietet. Der Isländer Snorro, der zwar erft im 13. Jahrhundert 
(1178 —1241) geblüht, aber feine Nachrichten aus älteren Liedern gefchöpft 
hat, erzählt in feiner Edda ungefähr Folgendes: König Hedhin, der Sohn 
Hiarranda’s, überzieht das Land des Königs Högni, während diefer 
abwefend ift, mit Krieg, und führt Högnis Tochter Hildr als Kriegs 
beute mit fich fort. Högni verfolgt den Räuber mit Heeresmacht und 
findet ihn gelagert auf Haey, einer der Orkaden. Hildr will in Hedhins 
Namen Verföhnung ftiften; von ihrem Vater abgewiefen, fordert fic den 
Hedhin auf, fich zum Streite zu rüften. Nachdem die Könige den ganzen 
Tag gekämpft haben, gehen fie Abends wieder auf die Schiffe; Hildr aber 
weckt im Laufe der Nacht durcht Zauberkunft alle Todten auf. »Daher 
dauerte der Kampf einen Tag nach dem andern, und alle die blieben, und 
alle Waffen die auf dem Wahlplatz lagen, wurden zu Stein; und wenn es 
tagte ftunden alle die Todten auf, und alle Waffen wurden wieder brauch 
bar.« Diefer Kampf heifst der Kampf der Hiadhninge* und »die Lieder 
fagen er folle dauern bis an den jüngften Tag«. 
Die Geftaltung der Sage bei Snorro hat befonders Aehnlichkeit mit 
dem zweiten Theil unfres Gedichts: Hildr und Hilde II., Högni und Hagen, 
Hedhin und Hetel find unverkennbar diefelben Wefen; die Hiadhninge 
find Hedhins Mannen, alfo Eins mit den Hegelingen. Nur der Name 
Hiarranda (Horand) wird nicht dem Beauftragten, fondern dem Vater des 
Entführers beigeiegt, und der Strand wo die Könige kämpfen, ift nicht 
das räthfelhafte Waleis, fondern wird mit Beftimmtheit als eine der Or 
kaden angegeben. Haey nemlich läfst fich unter jenen Klupperinfeln jetzt 
noch nachweifen. Der alte Büfching 1 fagt: »Wayes und Hoy find zwei 
Thcile einer (orkadifchen) Infel, die einige gute Häfen hat. Der Theil 
1 Erdbefchreibung IV, 79ö (Ausg. v. 1789).
	        

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