Full text: Gudrun

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 212 
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erfl nach langer Trennung wieder findet; cbenfo verUifst Gahmuret Bela- 
canen, aber die Rückkehr zu ihr hat fich, weil Parcivals Mutter keine 
Mohrin fein darf, in die Vermählung mit einer andern verwandelt, und 
Parcival erhält fo einen Halbbruder, Feirefiz. 
Neuere Dichter würden der Einförmigkeit die aus diefcm Verfahren 
unfehlbar entfteht, ausweichen, indem fie die Schickfale des Vaters will 
kürlich geftalteten. Den älteren, oder vielmehr der Sage der fie höchft 
gewiffenhaft folgen, fiel difs nicht ein. Ehrlich und treuherzig berichtet 
man nur was man weifs; wo N'Hies nöthig wird, erzählt man lieber, nach 
Kinderart fich felber täufchend, fchon bekanntes zum zweiten Mal unter 
andrem Namen^ als dafs man durch fchüpferifchen Zauberfpruch neue 
Geftallen aus dem Boden fteigen liefst. Erleichtert wurde diefes häufig 
wiederkehrende Verfahren ohne Zweifel dadurch, dafs in verfchiedenen 
Landfchaften diefelbe Sage fich verfchieden geftaltet hatte, dafs in der 
einen von Hilde berichtet ward, was die andere fich mit unwefcntlichcn 
Abweichungen und veränderten Namen von Gudrun erzählte. Wenn der 
Dichter unter den Volksgefängen die ihm feinen Stoff boten, beide Gc- 
ftaltungen vorfand, fo waren fie aufserlich verfchieden genug, um ihm 
als Berichte vom Schickfal verfchiedencr Wefen zu gelten; innerlich 
verwandt genug, um als Lebensgefchichte von Mutter und Kind aneinander 
gebunden zu werden. Anders verfährt unfer Zeitalter, dem eine Fülle von 
bequem zugänglichen Thatfachen Vergleichung und Ausfchcidung nicht 
nur leicht, fondern auch zur Pflicht gemacht hat. 
Noch ift der erfte Theil des Gedichtes, die Erzählung von Hagen, in 
diefer Beziehung zu erwägen. Ich glaube darlhun zu können, dafs auch 
hier, nur noch fchatten- oder mährchenhafter, die Züge des Hauptbildes 
wiederkehren. Denn wir haben hier abermals eine Geraubte, Hilde von 
Indien; einen Räuber, den Greifen; einen Retter und rechtmäfsigen Gatten, 
Hagen. Dafs neben Hilde noch zwei andre Jungfrauen erfcheincn, darf nicht 
irre machen, denn fie greifen ganz und gar nicht ein, find alfo lediglich 
fchmückende Zuthat; dafs der Entführer ein Greif ift, wird nicht auffallen, 
wenn man bedenkt wie überhaupt in der älteften Sage die unheimlich 
feindfeligen Wefen z. B. in der Sigurdfage Fafni, bald Menfchcn- bald 
Thiergeftalt haben; im Liede vom hörnenen Seifried der Drache fich als 
verwandelten Mann zu erkennen giebt, und faft willkürlich Menfchen- 
geftalt annimmt. Am ftörendften ift, dafs der Ritter fclbft noch als Kind
	        

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