Full text: Gudrun

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Ortrun erhält Hartmuot Gnade, der lange blutige Streit fein Ende (1563 — 
1602). Bei der Vermählung Herwigs mit Gudrun ftiftet diefe noch gründ 
lichere Verföhnung, indem fie drei weitere Bündniffe zu gründen weifs: 
ihr Bruder Ortwin vermählt fich mit Ortrun, Hartmuot mit Hildeburg, 
Sifrid mit Herwigs Schwefter (1603 — 1666). Nachdem das vierfache Feft 
beendet ift, kehren alle, auch Hartmuot, in ihre Länder heim; [Gudrun 
verfpricht ihrer Mutter dreimal jährlich Boten zu fenden; Ortwin und 
Herwig fchliefsen einen ewigen Bund (1667—1705). 
Vergleichung der drei Theile. 
Hält man diefe drei Abtheilungen des Gedichts gegen einander, fo 
kann kein Zweifel fein, dafs die dritte die beiden erften, wie an Umfang, 
fo an Wichtigkeit bei weitem hinter fich läfst. Denn während fie ihren Zweck 
in fich felber trägt, find die beiden erften fichtlich nur Einleitung. 
Ihr Dafein darf um fo mehr auffallen da keins der beiden Stücke, 
genau betrachtet, einen andern Kern hat als das von Gudrun. Difs 
verbirgt fich auf den erften Anblick, vornemlich weil die Namen verfchie- 
den find; anders ftellt fich Alles, wenn wir uns an das halten was bei 
fagenhaften Geftalten allein als das wirklich bleibende gelten darf: an die 
Merkmale die ihnen zugefchricben werden, an die Schickfale die fie durch 
machen. So kann ein Gewächs unter veränderten Einflüffen feine Farbe 
wechfeln, während fein eigentliches Wefen, fein Gefammtausfehen, fich 
erhält. Der unerfahrene Blick legt an den Blumei^ auf nichts rafcher Ge 
wicht als auf die Farbe; der geübte hält fich an andre Merkmale: die Nelke 
bleibt ihm Nelke, ob ihr Roth in Dunkelbraun oder in lichtes Weifs überge 
gangen fei. Eben fo zeigt fich hier bei näherer Betrachtung immer diefelbe 
Jungfrau, ob fie Hilde von Indien, Hilde von Irland oder endlich Gud 
run heifse. Difs zur Entfchuldigung, wenn im Nachfolgenden die Namen 
blofs untergeordnete Beachtung finden, gleichfam nur als Fingerzeige ge 
braucht werden. 
Tilgen wir nun, um zur Frage felbft überzugehn, alles minder Wefent- 
lichc, fo bleibt im dritten Theil folgendes: die Heldin der Sage, ,die fchöne 
Jungfrau, wird ihrem Vater von einem abgewiefenen Freier hinterliftig 
und gewaltfam entführt; er kann fie, obwohl er mit Heereskraft nachfetzt, 
nicht mehr gewinnen und der Räuber bringt fie in fein Land. Dort bleibt
	        

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