Full text: Gudrun

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 212 
XI 
Franzofen, damals für uns die bedeutenden unter den Erben romanifcher 
Bildung, mit dem kunftmäfsigen Heldengedichte der alten Welt bekannt 
geworden waren. Die Eneide Heinrichs von Veldegge, die auf die epifchen 
Beftrebungen der Deutfchen von fo entfcheidendem Einflufs gewefen ift, 
und auf die Hartmanns, Wolframs, Gotfrids grofseDichtungen gebaut find, 
ift mittelbar aus der Aeneis des Virgil, und damit aus deren Vorbild Homer 
hervorgegangen. So bewährt fich auch hier, dafs die Bildung der Menfchheit 
nicht bei jedem einzelnen Volke neu geboren wird; vielmehr geht fie, wie 
ein unverlierbares Erbe, ihrem geheimnisvollen Zug nach Weften ge 
horchend, von Volk zu Volk, und ift nur darum immer neu, weil neue 
Völker den alten Stoff mit anderem Geifte durchdringen, wie es gerade 
jedem verliehen ift. Auch unter unferem Volke hat fich der Stoff der 
v einheimifchen Heldenfage der überlieferten fremden Form angepafst; deut- 
fche Dichter haben das Sagenerbe der deutfchen Vorzeit nach Anordnung 
fremder Vorbilder gefichtet, geordnet und belebt; Nibelungen und Gudrun 
find mittelbar Zöglinge der homerifchen Dichtungen. 
Inhalt des Liedes. 
Die Richtigkeit vorftehender Bemerkungen über das Wefen der Sage 
zu erhärten, findet fich bei forgfältigcr Betrachtung unfres Liedes viel 
fache Gelegenheit. Als Grundlage hiefür wolle fich der Lefer einen Abrifs 
von dem reichen Inhalte desfelben gefallen laffen. Derfelbe vertheilt fich 
in drei Hauptgruppen, die ich im Folgenden durch I. II. III. bezeichnen 
und je nach der hervorragendften Geftalt benennen will. Die eingefchloffe- 
nen Zahlen bedeuten die Strophen, nach der Zählung von Ziemanns und 
unfrer Ausgabe; Ettmüller hat für jeden der drei Theile befondre Zählung 
und Von der Hagen zählt nicht Strophen, fondern Zeilen. 
I. Hagen ift der Sohn Sigebands, Königs von Irland (1—23). Wäh 
rend eines Fettes wird der fiebenjährige Knabe von einem Greifen auf ein 
fernes, wrnftes Eiland entführt, wo er den jungen Greifen zumFrafs dienen 
foil (24 — 68); rettet fich aber, und findet drei Königstöchter, die gleich 
falls auf diefe Weife hergekommen find (69—79), wird von ihnen ernährt; 
erfchlägt, wie er herangewachfen ift, die Greifen (80 — 96), und gewinnt, 
indem er das Blut eines getödteten wilden Thieres trinkt, übermenfchliche 
Kraft (97 — 106). Ein vorüberfahrendes Schiff bringt ihn und die Jungfrauen
	        

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