Full text: Gudrun

VI ffgrjp 
Unfer Gedicht fteht gegenwärtig fchon fo ziemlich anerkannt neben 
dem Nibelungen-Lied. Wider Hägens oft wiederholten Ausfpruch, der es 
als die »wunderbare Nebenfonne der Nibelungen« bezeichnet 1 , liefse fich 
nichts einwenden, wenn eine Nebenfonne mehr wäre denn ein triegerisches, 
vergängliches Spiegelbild von der echten. Im Gegentheil aber darf die Gudrun 
als wirkliche, leibliche Schwefter der Dichtung von Krimhilde bezeichnet 
werden; nachgeboren freilich, vielleicht auch fchwächer, aber vollbürtig. 
Es fehlt zwar nicht an Thatfachen zufolge welcher die beiden Gedichte 
beträchtlich auseinandergehen. Schon der Schauplatz ift ein ganz andrer: 
während uns die Nibelungen an Rhein und Donau fefthalten, den Norden 
und das Meer hochftens in dämmernder Ferne wißen; führt uns die Gudrun 
gerade dorthin, rollt Bilder von der Nordfee vor uns auf: Burgen am brau- 
fenden Meer, fchwellende Segel, Schiffe voll feekühner Helden, die Stille 
wilder Strandgegenden, vorübergehend unterbrochen von blutigen Kämpfen 
oder von den Glocken desKlofters, das die Ueberlebenden zum Seelenheil 
der Gefallenen errichtet haben. Während die Nibelungen aus einer Ver 
mählung rheinifcher und füdoft-germanifcher Sagen hervorgegangen fchei- 
nen, ift die Gudrun der einzige bis jetzt bekannte Verfuch, einen Zweig 
der niederdeutfchen Heldenfage künftlerifch zu geftalten, 
Weiter weichen die beiden Dichtungen darin von einander ab, dafs 
fie gleichfam in ganz verfchiedener Tonart gefetzt find. Das Nibelungen- 
Lied läfst fchon zu Anfang durch Glück und Luft den fchauervollen Ausgang 
ahnen; es hält uns ferne durch die Riefengröfse feiner Leidenfchaften, die 
fogar im Stande find hohen Seelenadel in Verrath und Tücke zu verlocken, 
es athmet in der Mehrzahl feiner Geftalten einen herben heidnifchen Geift, 
den die milderen kaum vergeffen laffen, nie bezwingen. 
Umgekehrt hingegen »fpielt in der Gudrun auch zwifcheu der Schwer- 
muth heller leichter Scherz, wie ein neckendes Kind 2 ;« der Ausgang, der 
durchaus verföhnend ift, giefst ein mildes Licht auch über diejenigen Auf 
tritte wo wilde Leidenfchaften zerftörend in Ordnung, Recht und Glück ein- 
greifen, und nur in einem Fall, der fich aber fchnell zum Guten wendet, 
entftellt Hinterlift die Offenheit mit der fonft Helden und Frauen fich 
hier benehmen. Damit hängt zufammen, dafs die Geftalten in der Gudrun 
ein weicheres Ausfehen haben, in vertraulichere Nähe rücken, gleichfam 
1 Deutfehe Gedichte II, VII. 
2 Worte A. Kellers in der Ankündigung feiner Gudrun.
	        

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