Full text: Brief von Jacob Grimm an Unbekannt






Sonderabdruck aus der Halbmonatsschrift "Das literarische Echo". 13. Jahrgang, Heft 1

                      Im Hause der Grimm
                    Von Julius Rodenberg (Berlin)

An jedem Abend seh ich in einem Fenster des
     Hauses gegenüber ein Lichtlein schimmern,
     das mir, mehr als jedes andre, von
     Dingen der Vergangenheit erzählt. Das
Haus steht am Matthaikirchplatz, und in ihm wohnte
jahrzehnteelang Herman Grimm, wohnt jetzt noch
seine Schwester Auguste, die letzte der Grimms, und
aus ihrem Fenster leuchtet mir das Abendlicht, das
so viele liebe Erinnerungen in mir weckt. -
  Über mehr als ein halbes Jahrhundert, über fast
sechzig Jahre wandert mein Geist zurück zu jenem
Frühlingsmorgen im lieblichen Wesertal, im alters-
grauen Gymnasium zu Rinteln und meinem Stüb-
chen, das ehedem eine Klosterzelle war. Da, mit dem
Rieseln des Baches der Exter unter mir und dem
Bilck über die wogende Masse des Grüns bis zu den
fernen Bergen der Süntelkette schrieb ich auf das
erste Blatt eines kleinen Buches die Verse:
          Dem Manne, dem vor allen
          Der Wald der Sage rauscht,
          Der in den hohen Hallen,
          Drin deutsche Helden wallen,
          Den Geist der Vorzeit hat belauscht -
Der Mann war Jacob Grimm, und das kleine Buch
enthielt die Dichtung im Nibelungenversmaß "Dorn-
röschen", die ich während des letzten Jahres meiner
Gymnasiastenzeit verfaßt hatte. Lange trug ich sie,
wie ein süßes Geheimnis, mit mir herum, ich schrieb
darin in den Winternächten, wenn meine Schularbeit
getan war, ich schrieb daran in den Sommertagen,
den glücklichen Juliferien, auf den heidebewachsenen
Hügeln meiner Heimat, bis endlich nach meinem ersten
Heidelberger Semester das Büchlein wirklich im Druck
erschien. Das erste Exemplar ging nach Berlin, an
Jacob Grimm, dem es gewidmet war, und dies ist
der Anfang meiner persönlichen Beziehungen zu dem
Hause der Grimm. Denn die begeisterte Verehrung
für beide Brüder war sozusagen eine Tradition
unserer Schule. Wir wuchsen darin auf; sie standen
unsrem Empfinden näher als irgendwelche Größen
jener Zeit. Waren sie nicht Hessen wie wir selber?

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