Full text: Der Stern der Erlösung

METAETHIK 
Also, ist. Gleich souverän ist der Anspruch des Trotzes wie 
das Recht der Macht. Als Trotz nimmt das Abstraktum des 
freien Willens Gestalt an. 
Als Trotz läuft er nun weiter seine Bahn — wir erinnern 
uns: es handelt sich nur um innere Bewegungen im Menschen, 
das Verhältnis zu den Dingen kommt gar nicht in Frage — 
bis zu dem Punkt, wo die Existenz der Eigenheit sich ihm so 
fühlbar macht, daß er nicht mehr unverändert weitergehen 
kann, ohne sie zu beachten. Diesen Punkt, wo die Eigenheit 
in ihrer stummen daseienden Tatsächlichkeit dem freien 
Willen in den Weg zu liegen kommt — in den Weg tritt, wäre 
schon zu viel gesagt —, diesen Punkt bezeichnet ein Name, 
den wir schon vorhin, etwas vorgreifend, mehrfach zur 
Erläuterung des Begriffs der Eigenheit gegenüber der »Indivi 
dualität« verwendet haben: der Charakter. Der Wille würde 
an der Eigenheit sich in Nichts auflösen; mit dem Hinweis auf 
die Eigenheit demütigt ihn Mephistos »du bleibst doch immer 
was du bist«. Am Charakter geschieht dem Trotz nicht wie 
dem Willen an der Eigenheit seine Vernichtung, sondern er 
bleibt noch durchaus als Trotz erhalten; nicht seine Aufhebung 
findet er hier, aber seine Bestimmung, seinen Inhalt. Der Trotz 
bleibt Trotz, er bleibt formell unbedingt, aber er nimmt den 
Charakter zum Inhalt: der Trotz trotzt auf den Charakter. 
Das ist die Selbstbewußtheit des Menschen oder kürzer 
gesagt: das ist das Selbst. Das »Selbst« ist das, was in diesem 
Übergriff des freien Willens auf die Eigenheit, als Und von 
Trotz und Charakter, entsteht. 
Das Selbst ist schlechthin in sich geschlossen. Das ver 
dankt es seiner Verwurzelung im Charakter. Wurzelte es in 
der Individualität, hätte sich also der Trotz auf die Besonder 
heit des Menschen gegenüber andern, auf seinen unteilbaren 
Anteil am allgemeinen Menschentum geworfen, so würde nicht 
das Selbst, das in sich geschlossene, nicht aus sich heraus 
blickende, entstanden sein, sondern die Persönlichkeit. Die 
Persönlichkeit ist, wie schon der Ursprung des Namens sagt, 
der Mensch, der seine ihm vom Schicksal her zugewiesene
        

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