Full text: Der Stern der Erlösung

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ERSTER TEIL: DRITTES BUCH 
die Welle, verschlingt die Welle, und wir versinken«. Und 
der Prediger lehrt es uns: »Geschlecht geht, Geschlecht 
kommt, doch die Erde steht ewiglich«. Vergänglichkeit, die 
Gott und Göttern fremde, der Welt das bestürzende Erlebnis 
ihrer eigenen, sich allzeit erneuernden Kraft, ist dem Menschen 
die immerwährende Atmosphäre, die ihn umgibt, die er mit 
jedem Zug seines Atems einsaugt und ausstößt. Der Mensch 
ist vergänglich, Vergänglichsein ist sein Wesen, wie es das 
Wesen Gottes ist, unsterblich und unbedingt, das Wesen der 
Welt, allgemein und notwendig zu sein. Gottes Sein ist Sein 
im Unbedingten, der Welt Sein Sein im Allgemeinen, des 
Menschen Sein ist: Sein im Besonderen. Das Wissen liegt 
nicht unter ihm wie für Gott, nicht um ihn und in ihm wie für 
die Welt, sondern über ihm; er ist nicht jenseits der All 
gemeingültigkeit und Notwendigkeit des Wissens, sondern 
diesseits; er ist nicht, wenn das Wissen aufhört, sondern ehe 
es anfängt; und nur weil er vor dem Wissen ist, kommt es, 
daß er auch nachher noch ist und allem Wissen, mag es ihn 
noch so vollständig in die Gefäße seiner Allgemeingültigkeit 
und Notwendigkeit aufgefangen zu haben wähnen, immer 
wieder sein sieghaftes »Ich bin noch da« zu ruft. Sein Wesen 
ist eben, daß er sich nicht auf Flaschen ziehen läßt, daß er 
immer »noch da« ist, daß er in seiner Besonderheit stets gegen 
den Machtspruch des Allgemeinen auftrumpft, daß ihm die 
eigene Besonderheit nicht, wie es ihm die Welt wohl zu 
gestehen möchte, Ereignis ist, sondern gerade sein Selbst 
verständliches, — sein Wesen. Sein erstes Wort, sein Urja, 
bejaht sein Eigensein. Im grenzenlosen Nicht seines Nichts 
gründet diese Bejahung sein Besonderes, sein Eigenes als sein 
Wesen. Ein Einzelnes also, aber kein Einzelnes wie das Ein 
zelne der Welt, das momenthaft in einer unaufhörlichen Reihe 
von Einzelnen aufschießt, sondern ein Einzelnes im grenzen 
losen leeren Raum, ein Einzelnes also, das von andern Ein 
zelnen neben ihm nichts weiß, das überhaupt von einem 
»neben ihm« nichts weiß, weil es »überall« ist, ein Einzelnes 
nicht als Tat, nicht als Ereignis, sondern als immerwährendes 
Wesen.
        

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