Full text: Der Stern der Erlösung

METALOGIK 
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Indien und China je eine Seite des elementaren, vorgestalt- 
liehen Seins in gewaltsamer Selbstbeschränkung aufs höchste 
ausgebildet. Denn längst ehe das indische Denken geist 
versessen die weltliche Fülle mit dem Schleier der Maja be 
deckte, längst ehe es in allen Dingen nur das »Selbst« gelten 
ließ und dieses Selbst wiederum in die Alleinheit des Brahman 
auflöste, — schon in seinen frühen Anfängen schweift dieses 
Denken ab von der Bestimmtheit des Besonderen und sucht 
ein Allgemeines, das dahinter stünde. Man hat bemerkt, daß 
schon in jenen alten Hymnen, die das Opfer begleiteten, der 
einzelne Gott dem Dichter unter Einbuße seines eigentüm 
lichen Gesichts leicht die Züge des höchsten und einzigen 
Gottes annahm. Hymnen, die ganz individuell anheben, ver 
lieren sich in farbloser Allgemeinheit. Zwischen die älteste 
naturverbundene Göttersippe schieben sich frühzeitig Götter 
gestalten rein allegorischen Ursprungs, ähnlich wie es später 
in Rom geschah. Aber hier in Indien ist das nur Symptom 
einer denkmäßigen Zersetzung der Welt überhaupt. Die Frage 
nach dem Ursprung der Welt wird durch eine Unzahl neben 
einanderstehender gelehrter Scheinmythen gelöst, deren jede 
in Gestalt einer Ursprungssage in Wahrheit ein Kategorien- 
S3'stem entwickelt. Wasser, Wind, Atem, Feuer und was 
immer sonst — nicht Elemente einer Wirklichkeit sind das, 
sondern früh nehmen sie das Antlitz vorwissenschaftlicher 
Grundbegriffe der Welterklärung an, einer Welt, die eben 
nicht aufgenommen, nicht erfahren, sondern vor allem 
»erklärt« wird. Nicht wirkliche Dinge werden vom Priester 
geopfert, sondern das Wesen der Dinge; nur weil Wesen, 
können sie mit dem Wesen der Welt gleichgesetzt werden und 
so unmittelbar in es hineinwirken. So ist alles vorbereitet, 
daß die Welt zu einem System von Begriffen werde, gewiß 
noch einem System von Welt, von Wirklichkeit, aber ohne 
jedes selbständige Recht des nur der »Illusion« zuzurech 
nenden Besonderen. Und nun greift wiederum die Lehre 
Buddhas noch hinter diese objektive Begriffswelt zurück und 
bezeichnet als das Wesen dieser Wesen die Begriffe des
        

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