Full text: Der Stern der Erlösung

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ERSTER TEIL: ZWEITES BUCH 
Verhältnis des Ganzen zu seinem Teil, sondern der Staat ist 
das All, von dem ein einheitlicher Kraftstrom durch die Glieder 
geht. Jeder hat hier seinen bestimmten Platz und gehört, 
indem er ihn ausfüllt, dem All des Staats an. Stände, oder 
welche puissances intermediaires sonst noch im modernen 
organisierten Staat Vorkommen mögen, sind grundsätzlich 
doch nur Zwischengewalten; sie vermitteln die Beziehung des 
Staats zum Einzelnen, bestimmen dem Einzelnen seinen Platz 
im Staat; der Staat verwirklicht sich am Menschen, erzeugt 
ihn durch das Mittel seines »Standes«, seines »Platzes«. 
Während die antike Kaste kein Mittel des Staats ist, sondern 
für das Bewußtsein des Einzelnen das Staatsganze völlig ver- 
schattet; sie ist, wo sie da ist, für den Einzelnen Staat. Denn 
der antike Staat kennt nur die unmittelbare Beziehung des 
Bürgers zu sich, weil er eben das Ganze ist, in dessen Gestalt 
seine Teile eingehen; während der neue Staat das All ist, aus 
dem die Glieder sich Kraft zu ihrer Gestaltung saugen. Daß 
der antike Sklave nicht, der mittelalterliche Hörige wohl zum 
Staat gehört, hat hier seinen Grund. 
Das antike Individuum verliert sich also in der Gemein 
schaft nicht, um sich zu finden, sondern ganz einfach um sie 
zu erbauen; es selbst verschwindet. Die bekannten Unter 
scheidungen zwischen dem antiken und allen neueren Demo 
kratiebegriffen bestehen völlig zurecht. Ebenso klar wird hier, 
weshalb das Altertum den Repräsentationsgedanken nicht aus 
gebildet hat. Nur ein Körper kann Organe haben, ein Gebäude 
hat nur Teile. Der Vertretungsgedanke stößt ja im antiken 
Recht auf höchst charakteristische Schwierigkeiten. Jeder 
Einzelne ist nur er selbst, nur Individuum. Selbst da, wo es 
mit Notwendigkeit zum Vertretungsgedanken kommen muß, 
beim Kult, insbesondere beim Opfer, beim opfernden wie beim 
geopferten Menschen, selbst da zeigt sich diese Schwierigkeit 
in dem durchgängig wahrnehmbaren Bestreben, dem Opfernden 
persönliche Reinheit, dem Geopferten persönliche Todverfal- 
lenheit etwa als Verbrecher oder wenigstens als Gegenstand 
eines magisch wirksamen Fluchs zu geben. Daß gerade der
        

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