Full text: Der Stern der Erlösung

METAPHYSIK 
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Nichts gewonnene Ergebnis selber wieder zu einem Nichts, zu 
einem Ausgangspunkt werden. Die Elemente der Macht und 
des Müssens, der Willkür und des Schicksals, die in die 
Gestalt des lebendigen Gottes zusammenmündeten, müßten 
dann aufs neue auseinandertreten, das scheinbare Endergebnis 
ein Urquell werden. Schon über die mythisch gerichtete 
Theologie des Altertums war eine Unruhe gekommen, die zu 
einem Hinausgehen über die selbstzufriedene Sphäre des 
Mythos drängte und so jene Umkehrung des bloß Lebendigen 
in das Lebenzeugende zu fordern schien. Aber es ist bezeich 
nend für die Gewalt der mythischen Anschauung, daß die da 
hin gerichteten Versuche sowohl in den Mysterien wie in den 
Gedanken der großen Philosophen stets die Einziehung von 
Mensch und Welt in die Sphäre des Göttlichen anstrebten, 
also ganz wie der Mythos schließlich doch nur das Göttliche 
hatten. Die Selbständigkeit des Menschlichen und Weltlichen 
war aufgehoben so gut in den Vergottungsmysterien wie in 
den nie vom Göttlichen zum Menschen und den Weltdingen, 
nur umgekehrt führenden Sehnsuchts- und Liebesbegriffen, mit 
denen die Philosophen die Kluft überbrückten. Das gilt von 
dem Liebesverlangen der Griechen nach dem Vollkommenen, 
wie von der Gottesliebe der Inder. Es wäre wie eine Ver 
engung Gottes erschienen, des Gottes, den man eben erst 
durch Anhäufung aller edeln Qualitäten der vielen Götter auf 
seinen einen Scheitel zum allumfassenden erhoben zu haben 
stolz war, hätte man nun wieder ihn in die Leidenschaft der 
Liebe verstricken wollen. Wohl mag ihn der Mensch lieben; 
seine, des Gottes Liebe aber zum Menschen durfte höchstens 
Antwort auf die Liebe des Menschen sein, nur gerechter Lohn 
also, nicht freies, über alle Maßstäbe der Gerechtigkeit hinaus 
begnadendes Geschenk, nicht göttliche Urkraft, die da erwählt 
und sich nicht nötigen läßt, ja die aller menschlichen Liebe 
zuvorkommt und Blinde erst sehend, Taube erst hörend 
macht. Und selbst wo der Mensch, wie es eben in jenen 
Kreisen der indischen Gottesfreunde geschah, die höchste 
horm der Liebe zu erschwingen meinte, indem er sich alles
        

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