Full text: Der Stern der Erlösung

a6 ERSTER TEIL: ERSTES BUCH 
eine Welt ohne Götter. Und damit hätten wir das Wesen 
dessen ausgesprochen, was man als mythologische Weltauf 
fassung bezeichnen mag. 
Denn dies ist das Wesen des Mythos: ein Leben, das nichts 
über sich und nichts unter sich kennt; das, mögen nun die 
Träger dieses Lebens Götter Menschen Dinge sein, ohne 
beherrschte Dinge, ohne herrschende Götter ist, ein Leben 
rein in sich. Das Gesetz dieses Lebens ist der innere, nicht 
über sich selbst hinaustönende, stets in sich selbst zurück 
kehrende Einklang von Willkür und Schicksal. Die frei hin 
strömende Leidenschaft des Gottes bricht sich an dem inneren 
Damm des dunkeln Gebots seiner Natur. Die Gestalten des 
Mythos sind weder bloß Mächte noch bloße Wesen; weder 
als das eine, noch als das andre wären sie lebendig; erst in 
dem Wechselstrom von Leidenschaft und Schicksalsschluß 
entstehen ihre höchst lebendigen Züge: grundlos im Haß wie 
in der Liebe, denn es gibt keine Gründe unter ihrem Leben, 
rücksichtslos, denn es gibt kein Zurück, nach dem sie sehen 
müßten, ihr freier Erguß nicht geleitet, nur gehemmt vom 
Spruch des Schicksals, ihr Müssen nicht gelöst durch die freie 
Kraft ihrer Leidenschaft, und dennoch beides, Freiheit und 
Wesen, eins in der rätselhaften Einheit des Lebendigen — das 
ist die Welt des Mythos. 
D ieser widerspruchsvolle Reichtum des Lebens, der möglich 
wird durch die Abgeschlossenheit der mythischen Welt, 
ist nun außerhalb seines ursprünglichen Bereichs bis auf den 
heutigen Tag in Kraft geblieben für die Kunst. Alle Kunst 
steht noch heutigen Tags unter dem Gesetz der mythischen 
Welt. Das Kunstwerk muß jene Abgeschlossenheit in sich, 
jene Rücksichtslosigkeit gegen alles, was außerhalb liegen 
mag, jene Unabhängigkeit von höheren Gesetzen, jene Freiheit 
von niederen Pflichten haben, die wir als der Welt des Mythos 
eigentümlich erkannten. Es ist eine Grundforderung an das 
Kunstwerk, daß von seinen Gestalten, und mögen sie die 
Tracht unsres Alltags tragen, ein Schauer des »Mythischen«
        

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