Full text: Der Stern der Erlösung

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DRITTER TEIL: DRITTES BUCH 
So ist diesem Innersten des jüdischen Gefühls alles Zwie 
spältige, innerlich Allumfassende des jüdischen Lebens sehr 
eng und einfach geworden. Zu einfach und zu eng, müßte 
man sagen und müßte in dieser Enge ebensolche Gefahren 
wittern wie in der christlichen Weitläufigkeit. Wurde dort 
der Begriff Gottes bedroht, so scheint bei uns seine Welt 
und sein Mensch in Gefahr. Das Christentum, indem es sich 
nach außen verstrahlt, droht sich in einzelne Strahlen weitab 
vom göttlichen Kern der Wahrheit zu verflüchtigen. Das 
Judentum, indem es nach innen erglüht, droht seine Wärme 
fernab von der heidnischen Weltwirklichkeit in den eignen 
Schoß zu sammeln. Waren dort die Gefahren Gottvergeisti 
gung, Gottvermenschlichung, Gottverweltlichung, so jetzt hier 
Weltverleugnung, Weltverachtung, Weitabtötung, Weltver 
leugnung war es, wenn der Jude in der Nähe seines Gottes im 
Gefühl die Erlösung sich vorwegnahm und vergaß, daß Gott 
Schöpfer war und Offenbarer und daß er als Schöpfer die 
ganze Welt erhält, als Offenbarer letzthin doch dem Menschen 
schlechtweg sein Antlitz zuwendet. Weltverachtung war es, 
wenn der Jude sich als Rest und so als der wahre ursprüng 
lich gottebenbildlich geschaffene und in dieser ursprünglichen 
Reinheit des Endes harrende Mensch fühlte und sich darüber 
von dem Menschen zurückzog, dem grade in seiner gottver 
gessenen Härte die Offenbarung der göttlichen Liebe geschah 
und der diese Liebe nun im schrankenlosen Werk der Erlösung 
auswirken mußte. Weitabtötung endlich wars, wenn der Jude 
im Besitz des ihm offenbarten und in seinem Geiste Fleisch und 
Blut gewordenen Gesetzes nun das jeden Augenblick 
erneuerte Dasein und das stille Wachstum der Dinge regeln, 
ja auch nur beurteilen zu dürfen sich vermaß. Diese Gefahren 
alle drei sind die notwendigen Folgen der weitabgekehrten 
Innerlichkeit, wie jene Gefahren des Christentums die der 
weltzugekehrten Selbstentäußerung. Es ist dem Juden not 
wendig, sich so zu verschalen. Die Verschalung ist der letzte 
Schritt jener Erinnerung, jener Verwurzelung ins eigne Selbst, 
aus der er sich die Kraft des ewigen Lebens schöpft, so wie
        

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