Full text: Der Stern der Erlösung

DRITTER TEIL: DRITTES BUCH 
dürfen ihn nicht nennen. Um unsrer Ewigkeit willen müssen 
wir das Schweigen, in das er einst und wir mit ihm versinken, 
vorwegnehmen und für den Namen selber das einsetzen, was 
er ist, solange er noch als Name gegen andre Namen,, als 
Schöpfer einer Welt von Sein, als Offenbarer einer Sprache 
von Seelen genannt wird: Herr, Statt seines Namens nennen 
wir ihn Herr. Der Name selber schweigt in unserem Munde 
und selbst unter dem stumm lesenden Auge, wie er einst in 
aller Welt schweigen wird, wenn er albein ist, — Einer. 
Da schweigt in uns das letzte Schweigen. Das ist der wahre 
Abgrund der Gottheit. Gott selbst ist da erlöst von seinem 
eigenen Wort. Er-schweigt. Der Gott der Vorwelt war zwar 
nicht selber tot gewesen, aber als Herr des Toten selber wie 
dieses ein Nichts. Wie wir aus der Schöpfung den Sinn der 
Vorwelt lernten, eben den Tod, so lernen wir den Sinn der 
Überwelt aus der Erlösung als das Leben. Der Herr der Ober 
welt ist Herr des Lebens. Als solcher ist er nicht lebendig, 
beileibe nicht. Aber wie der Herr des Toten zwar nicht 
selber tot, aber wie das Tote ist und also Nichts, genauer ein 
Nichts, eines von vielen Nichtsen, so ist der Herr der Über 
welt nicht selbst lebendig, aber wie das Lebendige. Auch 
von ihm gilt jene Gleichung des Psalms: Wie er selbst, sind 
•die auf ihn trauen. Weil das, was ihm glaubt, das Lebendige 
ist, so muß er selbst dem Lebendigen gleichen. Was aber ist 
dies Wesen des Lebendigen? In welches Wort können wir es 
fassen? Da wir doch uns bewußt sind, hier ebenso über die 
Welt der Worte hinausgesprungen zu sein, wie wir in der Vor 
welt noch vor ihrer Pforte gestanden hatten. Vor jener Pforte 
hatte das Totenreich gelegen, und dort hatten wir seinen Herrn 
als ein Nichts erkannt. Denn was dürfte sonst das Wesen 
eines Etwas vor der Welt sein als eben das Nichts. Und der 
Herr des Toten ist zwar nicht Teil des Toten, aber ihm wesens 
gleich und also ein Nichts wie es. Was aber wäre nun das 
Wesen des Lebendigen, das nach der andern Seite ebenso 
über die Welt der Worte hinausläge wie das Tote davor. Die 
Stelle des Nichts wäre schon besetzt; es liegt vor den Worten.
        

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