Full text: Der Stern der Erlösung

DRITTER TEIL: ZWEITES BUCH 
daß die im geschlossnen Vorhof versammelte Menge so dicht 
bei dicht drängte, daß kein Plätzchen mehr frei war; aber im 
Augenblick, wo die Stehenden aufs Angesicht fielen, war noch 
unendlich viel Platz. 
Die Kunstform, in der die Dichtung so aus ihren Buch 
deckeln heraussteigt und aus der idealen Welt der Vorstellung 
sich in die wirkliche der Darstellung hineinstellt, ist der Tanz 
und alles was sich aus ihm entwickelt, alle jene Selbstdarstel- 
lungen, bei denen es keinen Zuschauer gibt oder von rechts- 
wegen geben dürfte, sondern ^einzig Mitwirkende, die höch 
stens untereinander einmal ausruhen und abwechseln mögen. 
In Festzügen und Paraden, in Turnspielen und Aufführungen 
erkennt sich ein Volk. Auch die Kunst, wo sie in Denkmälern 
unter den freien Himmel hinausgeht oder auf dem Kalvarien 
berg den wandernden Betrachter begleitet, wo sie als Rede 
eine Versammlung begrüßt, als Tisch- oder Wanderlied die 
Menschen zusammenbringt, gehört hierher. Köln am Rosen 
montag und das Tempelhofer Feld, Olympia und Oberammer 
gau sind solche Plätze des Reigens einer Vielzahl von Tän 
zern. Der Tanz des Einzelnen bleibt aber das erste und noch 
im Tanz selber die einfachste Gebärde, der Blick. Denn schon 
in ihr liegt die alles Starre lösende Macht, die der Tat un 
erreichbar blieb, und um die das Wort sich selber opferte, um 
sie doch auch für diesen Preis höchstens für die kurze Zeit 
spanne, die bis zur Antwort verstrich, zu erobern. Die Macht 
des Blicks aber vergeht nicht mit dem Augenblick. Ein Wort 
vergißt sich und soll vergessen werden, es will in der Antwort 
vergehen. Aber ein Blick erlischt nicht. Ein Auge, das uns 
einmal angeblickt hat, blickt auf uns, so lange wir leben. Als 
Aphrodite auf Amors und Psyches Hochzeit vor den seligen 
Göttern tanzte, da tanzte sie zuletzt nur noch mit den Augen. 
Aber in die Kirche findet der Tanz nicht hinein. Jedenfalls 
nicht in seiner einfachsten, unmittelbar den Einzelnen ergrei 
fenden und ihn zur Gemeinschaft stimmenden Gestalt. Es ist 
wieder so, daß der Gedanke der Erlösung in dem geschlos 
senen Raum der Kirche so wenig wie in deiü geschlossenen
        

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