Full text: Der Stern der Erlösung

DIE STRAHLEN ODER DER EWIGE WEG 467 
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Menschenmenge ins Land des gemeinsamen wechselweisen 
Schweigens werden könnte. Da wären dann nicht mehr bloß 
wie im Banne der körpervereinenden Baukunst die Leiber im 
gleichen Raum beisammen, nicht bloß wie unter dem Zauber 
stab der Seelenführerin Musik die Zungen zum gleichrhyth 
mischen Chor des gleichen Worts geeinigt, sondern die ganzen 
Menschen wären in Tat und Rede und über Tat und Rede 
hinaus einander nah und eins. 
Zu solcher Anwendung müßte aber die Dichtkunst selber 
zunächst schweigen lernen; denn im Wort ist sie noch ge 
bunden an die Seele; sie müßte lernen, frei zu werden von der 
Vorstellung der schon in der Welt vorhandenen Gestalt, und 
selber Gestalt hinstellen: sie müßte Gebärde werden. Denn 
die Gebärde allein ist jenseits von Tat und Rede: nicht die 
Gebärde freilich, die etwas sagen will; die wäre ein kümmer 
licher Ersatz nur der Rede, ein Stammeln bloß; und auch nicht 
die Gebärde, die ein Tun des andern hervorlocken will; sie 
wäre ein kümmerlicher Ersatz nur der eignen Tat; sondern die 
Gebärde, die ganz frei, ganz schöpferisch geworden ist und 
nicht mehr auf dieses oder jenes, auf diesen oder jenen geht; 
die Gebärde, die den Menschen ganz zum Sein, zu seiner 
Menschheit und damit zur Menschheit vollendet. Denn wo ein 
Mensch sich ganz in seiner Gebärde ausdrückt, da fällt in einer 
»wunderbaren leisen« Rührung der Raum, der Mensch von 
Menschen trennt; da verflüchtigt sich das Wort, das sich 
kopfüber in den trennenden Zwischenraum geworfen hatte, um 
ihn mit seinem eignen Leibe auszufüllen und so durch dies 
heroische Selbstopfer Brücke zu werden zwischen Mensch 
und Mensch. So muß die Gebärde, die den Menschen also zu 
seiner ganzen Menschheit vollendet, den Raum, in den die 
Baukunst seinen Leib selbvielen hineingestellt und dessen 
Zwischenräume die Musik ausgefüllt und überbrückt hatte, 
sprengen. Jene letzte ganz allmenschheitliche Gebärde des 
Kniefalls an unsern Erlösungsfesten tut das, sie sprengt jeg 
lichen Raum, wie sie alle Zeit vertilgt. Im Talmud wird unter 
den Wundern dfcs Heiligtums in Jerusalem auch dies genannt,
        

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