Full text: Der Stern der Erlösung

DIE STRAHLEN ODER DER EWIGE WEG 
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aber können diese Erlösungsfeste nicht sein. Das gemeinsame 
Knieen hatte im Christentum seine Stätte schon vorher ge 
funden. Mit Maria und Joseph, mit den nächtlichen Hirten und 
den Königen aus dem Morgenland hatte die Christenheit an 
der Krippe gekniet; in dem atemlosen Schweigen vor der 
Wandlung, in das nur die Glocke leise hineinklingt, kniet sie 
vor dem im Meßopfer neu vergegenwärtigten Opfer am Kreuz. 
So nahm sie das letzte Schweigen der Erlösten wiederum 
schon hinein in die Feier des ersten Ursprungs und der allzeit 
erneuerten Gegenwart des Herrn. Über Schöpfung und Offen 
barung vergißt sie wiederum der ewig kommenden Erlösung. 
Und die Feste, mit denen sie die Erlösung selber ins Kirchen 
jahr hineinzieht, geben jenem letzten Anbeten keine Stätte. 
Wie also mögen diese Feste gefeiert werden? Daß vor 
Gott sich beuge jegliches Knie, bleibt die wahre Form, unter 
der die Erlösung gefeiert wird; aber nur bei uns wird sie in 
dieser wahren Form in eigenen Festen gefeiert, weil nur bei 
uns das geistliche Jahr in den eigenen Festen der Erlösung 
sich zum vollständigen Ring schließen kann, denn nur wir 
leben ein Leben in der Ewigkeit der Erlösung und können sie 
daher feiern; die Christenheit ist nur auf dem Weg und feiert 
die ewige Erlösung nur in Festen der Zeit und also nicht in der 
eignen Form des gemeinsamen Knieens. Was aber mag nun 
dieser ewigen Form der Erlösungsfeier dann dort als zeitliche 
Form entsprechen? Wie denn bereitet die Kunst den Menschen 
zur Feier jener Feste vor? 
Die Kunst, die über den reinen Raum und die reine Zeit 
hinaus sich ihre Sphäre schuf, war die Poesie gewesen. Der 
Mensch ist ja mehr als die Räumlichkeit des Leibs, mehr auch 
als die Zeitlichkeit der Seele, er ist ganzer Mensch. Und so 
mußten über bildenden und musikalischen Künsten noch die 
dichtenden auftreten als die Künste des ganzen Menschen. Der 
Gedanke, der ja als Vorstellung in sich die Räumlichkeit des 
Anschaulichen und die Zeitlichkeit des Gefühls verbindet und 
zu einem Ganzen macht, ist das Element, in dem sich die Dich-
        

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