Full text: Der Stern der Erlösung

DIE STRAHLEN ODER DER EWIGE WEG 463 
lösung zurückgeschlungen in die Schöpfung, in die Offen 
barung. Er bricht wohl immer wieder als etwas Selbständiges 
hervor, aber immer wieder auch verliert er die Selbständigkeit 
wieder. Der Rückblick zu Kreuz und Krippe, die Ereignung 
der Ereignisse von Bethlehem und Golgatha ins eigne Herz 
wird wichtiger als der Ausblick auf die Zukunft des Herrn. 
Das Kommen des Reichs wird eine weit- und kirchengeschicht 
liche Angelegenheit. Aber im Herzen der Christenheit, das 
den Lebensstrom durch die Kreisbahn des Kirchenjahrs treibt, 
ist kein Platz dafür. 
Nicht in dem ewig wiederkehrenden Kreislauf des Kirchen 
jahrs, wohl aber in dem von Jahrhundert zu Jahrhundert seine 
Gedenktage wechselnden Kalender der Welt, mit dem jener 
Kreislauf sich ja am Neujahrsfeste vereinigt. Hier ist Platz 
für alle jene geschichtlichen Gedenktage, in denen die Mensch 
heit sich ihres Ganges durch die Zeit bewußt wird. Solche 
Jahrestage wechseln mit dem wechselnden Zeitalter, sind ver 
schieden von Ort zu Ort, von Regierung zu Regierung; aber 
solange einer jeweils gefeiert wird, solange füllt sich in ihn die 
Freude des Menschen an der lebendigen weltlichen Gegen 
wart und die Hoffnung noch besseren, noch reicheren, kurz: 
wachsenden Lebens in Zukunft. Bei uns haben sich die wenigen 
Erinnrungstage unsrer Volksgeschichte, weil sie vergangen ist, 
zu dauernden verfestigt; die drei der Thora unbekannten Tage, 
der Trauertag der Zerstörung Jerusalems, das Fest zur Er 
innerung der im Estherbuch erzählten Rettung, das der Neu 
weihe des geschändeten Heiligtums nach dem Sieg der Mak 
kabäer, alle drei ausgesprochenermaßen Erinnerungsfeste mit 
demgemäß zufälligem, nur historisch bedingtem »Datum«, und 
an Rang — selbst der Trauertag um Jerusalem — den andern 
Festen nicht vergleichbar, kehren nun jährlich wieder; sie sind, 
obwohl geschichtliche Feste, starr geworden — wie die Ge 
schichte des Volks. Nicht so die geschichtlichen Erinnrungs 
tage der Völker. Die Feier ihrer Kriege und Siege überdauert 
kaum ein Halbjahrhundert, schon werden sie von andern ver 
drängt; die Geburtstage der Fürsten wechseln mit diesen
        

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