Full text: Der Stern der Erlösung

4 6o DRITTER TEIL: ZWEITES BUCH 
der ganzen Menschheit verständlicher Aufforderung. Aber 
diese AllgemeimVerständlichkeit kann nicht schweigend er 
reicht werden, sondern bedarf noch des Mittels der Rede, die 
erst durch das Snrachwunder über den Widerstand des sprach- 
getrennten Heute von damals, das auch heute noch von heute 
ist, hinwegspringt. Es ist das die erste Wirkung des Geistes, 
daß er übersetzt, daß er die Brücke schlägt von Mensch zu 
Mensch, von Zunge zu Zunge. Die Bibel ist wohl das erste 
Buch, das übersetzt und dann in der Übersetzung dem Urtext 
gleichgeachtet wurde. Gott spricht allenthalben mit den Worten 
des Menschen. Und der Geist ist dies, daß der Übersetzende, 
der Vernehmende und- Weitergebende, sich dem Ersten, der 
das Wort sprach und empfing, gleich weiß. Der Geist leitet so 
den Menschen und gibt ihm das Zutrauen, auf seinen eignen 
Füßen zu stehn. Grade als Geist der Überlieferung und Über 
setzung ist er des Menschen eigner Geist. Das ist die Ge 
schichte der Pfingstzeit: der Herr verläßt die Seinen, er fährt 
gen Himmel, sie bleiben auf Erden zurück. Er verläßt sie, 
aber er läßt ihnen den Geist. Sie müssen nun handeln lernen, 
ohne ihn doch mit Augen zu sehen; sie müssen lernen zu han 
deln, als ob sie gar keinen Herrn hätten; aber nun können sie 
es auch: sie haben den Geist. Im Pfingstwunder beginnt die 
allerZungen mächtige Kirche ihren Weltgang; im Symbol der 
Dreieinigkeit, deren Fest dem Pfingsttag folgt, richtet sie sich 
selbst das Panier auf. das ihre ausschwärmenden Sendboten 
zusammenhält. 
A ber es bleibt immer nur ein Vorblick auf die Erlösung. Die 
jfYErlösung selbst .hat damit noch keine Stätte im Kirchen 
jahr. Es müßte ihr eine eigene, eine dritte Art von Festen ent 
sprechen, so wie bei uns zu den Sabbaten und den Wallfahrts 
festen die gewaltigen Tage kommen. Bisher entsprachen den 
Festen des jüdischen Kalenders solche des christlichen. Was 
für eine eigene Art von Festen entspräche also den gewaltigen 
Tagen ? 
Keine. Zu diesen Festen unsres Kalenders fehlt dem 
Kirchenjahr — ihm, nicht dem Kalender — die Entsprechung.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.