Full text: Der Stern der Erlösung

DRITTER TEIL: ZWEITES BUCH 
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denkt, haben eine ganz zweck-, ja selbst gedankenfreie Not 
wendigkeit und Gültigkeit. Und so wie die Kleidung erst den 
Menschen in Gesellschaft vollwertig macht, grade weil sie 
nicht »persönlich« wie der nackte Leib, sondern irgend einer 
Sitte gemäß ist, so ist der Mensch auch bei sich selber noch 
nicht recht zu Hause, solange er bloß frei denkt und spricht, 
was er will und meint, sondern erst, wenn er unbekümmert ein 
Liedchen vor sich hinsummt oder -pfeift oder ein Sprichwort 
auf sich bezieht. So ists auch mit Brevier und stillem Gebet. 
Der Mensch mag im freien Lesen und Denken sogar anschei 
nend mehr bei der Sache sein und ist es doch mehr hier; denn 
die Worte sind hier auf eine gemeingültige Höhe des Gefühls 
gehoben, die sie im Draußen nie erreichen, wo sie stets eigene 
Worte des Einzelnen bleiben. Nicht mehr lebendig brauchen 
die Worte durch den Eintritt in die Kirche zu werden wie die 
Dinge. Lebendig sind sie schon. Aber ihre Lebendigkeit ist 
vergänglich. Indem die Musik sie aufnimmt, werden sie 
dauerhaft. Und wenn die Musik Kirchenmusik ist, dann treten 
sie mit ihr ein in den Kreislauf des Jahrs und werden durch die 
Eingliederung in den ewigen Tag des Herrn selber ewig. 
Was die Musik vorbereitet, die Leitung der einzelnen Seele 
auf den gemeinsamen Weg, das vollendet nun das Sakramefit 
und als das höchste unter ihnen das Abendmahl. Aufs deut 
lichste wieder unterscheidet es sich als Feier des Wegs vom 
jüdischen Abendmahl am Befreiungsfeste, aus dem es entstand. 
Denn da wird die Gemeinschaft des Mahles als wirkliches 
gemeinsames Leben sichtbar; dort hingegen sitzt die Gemeinde 
nicht um den Tisch des Herrn zum Mahl vereinigt, sondern ein 
jeder tritt einzeln hin, ein jeder geht, und das Gemeinsame ist 
allein die Gemeinsamkeit des Kelchs, die Gleichheit der Speise, 
des Weihworts, des Glaubens. Was dem Menschen in der 
Musik erst halb ins Bewußtsein treten konnte, die Gemeinsam 
keit des im Schweigen seines EigenTchs lebendig gewordenen 
Gefühls, das wird ihm im Genuß des Sakraments vollbewußt. 
So ist das Sakrament des Mahls recht eigentlich Zeichen und 
Träger der Offenbarung, und indem es in der Messe zum
        

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