Full text: Der Stern der Erlösung

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DRITTER TEIL: ZWEITES BUCH 
jährlichen Kreislauf des Kirchenjahres hineinnehmen. Indem 
die Musik sich diesen Festen und überhaupt dem Kirchenjahr 
einfügt, steigt das einzelne Musikwerk heraus aus dem künst 
lichen Rahmen seiner idealen Zeit und wird ganz lebendig, 
weil es gepfropft wird auf den säftereichen Stamm der wirk 
lichen Zeit. Wer einen Choral mitsingt, wer Messe, Weih 
nachtsoratorium oder Passion hört, der weiß ganz genau, in 
welcher Zeit er ist; er vergißt sich nicht und will sich nicht 
vergessen; er will sich nicht aus der Zeit flüchten, sondern im 
Gegenteil: er will seine Seele mit beiden Beinen in die Zeit, in 
die allerwirklichste Zeit, in die eine Zeit des einen Welttags, 
dessen alle einzelnen Welttage nur Teile sind, hineinstellen. 
Dahin soll ihm die Musik das Geleit geben. Wieder kann sie 
es ja nur bis ans Tor. Wieder muß ihr hier das Sakrament das 
Geschäft abnehmen und den Menschen dahin leiten, wohin er 
soll. Aber die Vorbereitung dieser Vorbereitung des Ein 
zelnen, der sich auf den ewigen Weg begab, lag bei ihr in den 
rechten Händen. 
Denn die Musik ist es, die jene erste im gemeinsamen 
Raum und dem gemeinsamen Hören des Worts gegründete 
Zusammengehörigkeit nun steigert zur bewußten und tätigen 
Zusammengehörigkeit aller Versammelten. Der von der Bau 
kunst erst geschaffene Raum wird nun von den Klängen der 
Musik wirklich erfüllt. Der den Raum füllende, von allen ge 
meinsam in mächtiger Einstimmigkeit gesungene Choral ist die 
eigentliche Grundlage der kirchlichen Anwendung der Musik; 
noch in den Bachschen Passionen lebt er fort, und auch die 
römische Kirche hat ihn weitergepflegt, wenn auch die musika 
lische Messe von ihm wegführt. Im Choral ist die Sprache, 
die sonst aus jedes Einzelnen Mund ihr eigenes und besonderes 
Wort zu reden hat, zum Schweigen gebracht. Nicht zu jenem 
Schweigen, das einfach stumm dem verlesenen Wort zuhört, 
sondern zum Schweigen seiner Eigenheit in der Einmütigkeit 
des Chors. So wird im gemeinsamen Mahl Gemeinsamkeit 
des Lebens bezeugt und bewußt; alle tuen in bewußter Ge 
meinschaft das Gleiche, nämlich Essen, und jeder tut es doch 
im ganz wörtlichen Sinne »für sich«.
        

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