Full text: Der Stern der Erlösung

DIE STRAHLEN ODER DER EWIGE WEG 
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ladung bringen. Das Musikwerk, indem es seine eigene, 
»ideale« Zeit erzeugt, verleugnet die wirkliche. Es läßt seinen 
Hörer das Jahr vergessen, in dem er lebt. Es läßt ihn sein 
Alter vergessen. Es trägt ihn bei wachem Leibe hinüber zu 
den Träumenden, von denen-es heißt, daß sie ein jeder seine 
eigene Welt haben. Mag er dann unsanft erwachend rufen 
»besser nie geträumt«, — bei nächster Gelegenheit greift er 
dennoch wieder nach der Flasche und trinkt sich seinen Lethe 
rausch. So lebt er ein fremdes Leben, nein noch nicht einmal 
ein fremdes; er lebt hundert Leben, von Musikstück zu Musik 
stück ein andres, und keins ist sein eigenes. Wahrlich, der 
Hund, der sich höllenheiß betrübt, weil seine Dame Flügel 
spielte, lebt echter, ja wenns erlaubt ist »menschlicher«, als 
der »Musikalische«. 
Das Freventliche an der Musik sind die idealen Zeiten, mit 
denen sie die wirkliche Zeit zersetzt. Soll sie von diesem 
Frevel ihres Reinseinwollens gereinigt werden, so müßte sie 
sich also aus ihrem Jenseits herausführen lassen in das Dies 
seits der Zeit und ihre ideale Zeit eingliedern in die wirkliche. 
Das aber würde für sie den Übergang bedeuten aus dem 
Konzerthaus in die Kirche. Denn die Zeit, in der die Ereignisse 
der Welt ablaufen, ist genau wie der Raum, in den die Welt 
hineingeschaffen ist, auch bloß »ideal«, bloß »für das Er 
kennen«, und also ohne Anfang, Mitte, Ende; denn die Marke 
der Gegenwart als des Standpunkts des Erkennens verschiebt 
sich unaufhörlich. Erst die Offenbarung befestigt ihre Marke 
in der Mitte der Zeit, und nun gibt es unverschiebliches Zuvor 
und Hernach, gibt es eine vom Rechner und dem Ort des 
Rechnens unabhängige Zeitrechnung für alle Orte der Welt. 
Diese wirkliche Weltzeit, die also nach und nach alles Ge 
schehen ergreift und durchdringt, spiegelt sich nun mit vollster 
Deutlichkeit und faßbar für die kurzlebigen Menschen in dem 
geistlichen Jahr; und hier wiederum insbesondere in den 
Festen, die als Feste der Offenbarung rückweisend auf die 
Schöpfung der Offenbarung, vorweisend auf die geoffenbarte 
Erlösung die unabsehbare Ewigkeit des Gottestages in den
        

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