Full text: Der Stern der Erlösung

DIE STRAHLEN ODER DER EWIGE' WEG 
449 
29 
lichkeit durch alles, was in ihn eintritt. Alles Körperliche wird 
lebendig; seine Form gewinnt Bestand und Fähigkeit sich fort 
zupflanzen über die Zeit, und der Mensch gibt die Freiheit auf, 
zu erscheinen wie es der Zufall grade bringt, und schickt sich 
in den Ort. Sein Körper verzichtet auf die Darstellung seiner 
Persönlichkeit und kleidet sich nach dem Gesetz des Raums, 
der ihn mit andern vereinigt. Die Körperlichkeit des Menschen 
lernt von ihrer Eigenart zu schweigen, — ein erster Anfang 
nur für das was noch kommt. 
Denn der Zweck des einen Raumes, das wodurch die Bau 
kunst zur angewandten Kunst wird, ist ganz einfach der: das 
Gefühl der Vereinigung in jedem einzelnen zu erzeugen, schon 
ehe diese Vereinigung selbst gegründet ist. Gegründet wird 
sie ja erst im Hören des gemeinsamen Worts. In ihm ist sie 
schon da. Im einen Raum könnte eine Menge Zusammensein 
ohne das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Aber der gemein 
same Raum erregt dennoch in jedem Einzelnen wenigstens den 
Wunsch oder besser: das Vorgefühl der Gemeinsamkeit. Er 
zwingt die Seele jedes Einzelnen auf den Weg, der zum Ein 
tritt in das gemeinsame Schweigen der Hörer des Worts führt. 
Er stimmt die Seele. Weiter begleitet die Muse den Menschen 
nicht, selbst hier nicht, wo sie nicht die zweckfreie Muse der 
»reinen« Kunst ist, sondern die in den Pflichtenkreis des Lebens 
eingetretene der angewandten. Das Leiten muß auch hier eine 
andre Macht übernehmen: eben das Wort. 
Das Wort bedeutete im jüdischen Gottesdienst mehr schon 
die gemeinsame Fahne als die erst gemeinschaftgründende 
Macht. Die auffallende Unaufmerksamkeit der nicht unmittel 
bar Beteiligten, mit der zumeist die Schriftvorlesung einher 
geht, ebenso wie die jahrhundertelange Zurückdrängung der 
Predigt zeigen, daß die Gemeinschaft nicht erst im Hören her 
gestellt wird, sondern daß die Vorlesung, deren Stellung im 
Gottesdienst doch durchaus zentral bleibt, mehr nur Symbol 
der schon gegründeten Gemeinschaft, des schon gepflanzten 
»ewigen Lebens« ist. Im Christentum liegt das anders. Hier
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.