Full text: Der Stern der Erlösung

DIE STRAHLEN ODER DER EWIGE WEG 
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als angewandte bezeichnet, erst sie führen den Menschen, ohne 
auch nur einen Funken von ihrer Herrlichkeit einzubüßen, ganz 
wieder ins Leben zurück, aus dem er, solange er sich dem 
* reinen« Kunstgenuß hingab, sich entfernt hatte. Ja, sie sind es 
allein, die ihn ganz heilen können von jener Krankheit der 
Weltentfremdung, die den Kunstfreund in den trügerischen 
.Wahn höchster Gesundheit einwiegte grade dann, wenn er sich 
der Krankheit widerstandslos öffnete. Die Kunst entgiftet so 
sich selber; sie reinigt sich und den Menschen von ihrer eige 
nen Reinheit, sie wird aus einer anspruchsvollen Geliebten 
seine gute Frau, die ihn durch die tausend kleinen Dienste des 
Alltags und die Pflege des Hauses kräftig macht für den Markt 
und die großen Stunden des öffentlichen Lebens, und dabei 
selber in ihrer Würde als Herrin des Hauses erst zur Vollreife 
ihrer Schönheit aufblüht. 
Unter den Künsten waren es die bildenden als die Künste 
des Raums, die gleichsam die Schöpfung nachschufen. Aber 
ihre Werke sind in Galerien, Museen, Kabinetten verschlossen, 
in künstlichen Rahmen, auf eigenen Sockeln, in Mappen, ein 
jedes von den andern geschieden, doch nicht so ganz ge 
schieden, daß nicht jedes Werk jedes andre störte, — Leichen 
kammern der Kunst. Da kommt die Baukunst und erlöst die 
Gefangenen und geleitet sie in festlichem Zuge in der Kirche 
feierlichen Raum. Nun schmückt der Maler Decken und Wände 
und den reichen Schrein des Altars, der Bildhauer Säulen und 
Giebel, Pfeiler und Gesims, der Zeichner das heilige Buch. 
Doch ists nicht Schmuck bloß; die Künste sind nicht Mägde 
geworden, dienstbar fremdherrlichem Zweck, sondern erst hier 
erwachen sie aus dem Scheintod jener Leichenkammern zu 
ihrem wahren Leben. Denn wiewohl sie Künste des Raums 
waren und jedes Werk sich seinen eigenen Raum schuf, so war 
das eben nur ein eigener, und das heißt: ein »idealer« Raum, 
der sich also an dem wirklichen Raum vvundstieß, so daß er 
nach jenen soeben erwähnten künstlichen Scheidewänden, als 
Rahmen, Sockeln, Mappen, verlangte, eben als Sperre gegen die 
Berührung mit dem wirklichen Raum. So schien das Kunst
        

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