Full text: Der Stern der Erlösung

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DRITTER TEIL: ZWEITES BUCH 
Lin Kreislauf des Jahres abspiegeln sollte, war es auf die Ge 
meinsamkeit, so des Hörens wie des Essens und Kniens ange 
kommen, und so hatte da die Lehre von den Formen des ge 
meinsamen Lebens überhaupt die Darstellung der Liturgie 
unterbauen müssen. Hier hingegen handelt es sich um einen 
gemeinsamen Weg und dessen Ewigkeit, also nicht um eine 
gemeinsame Gestalt, ein gemeinsames Ergebnis, ein gemein 
sames Dasein, sondern um ein gemeinsames Gehen, gemein 
sames Tun, gemeinsames Werden. Sollen hier also jene Sta 
tionen des gemeinsamen Schweigens wiedererscheinen, so 
müßte es hier geschehen in der Bereitung der einzelnen Seele 
zu den Gemeinsamkeiten. Jede dieser Gemeinsamkeiten er 
fordert ja eine bestimmte Gerichtetheit der Seele; ohne solche 
Gerichtetheit wird sich die Seele nicht auf den Weg machen. 
Das ewige Leben ist ein Übergreifendes, in dem der Einzelne 
mitlebt, wie er hineingeboren ist. Am ewigen Weg teilzuneh 
men, muß er sich selbst "als Einzelner entschließen und be 
reiten. 
Wo geschähe nun solche Bereitung der einsamen Seele auf 
die Gemeinsamkeit? Wo geschähe denn überhaupt der Seele 
eine Formung, die ihr im stillen Kämmerlein ihrer Einsamkeit 
ihr selber unbewußt die Form verliehe, in der sie mit andern 
zusammenstimmte; ja wirklich: wo würde die Einzelseele auf 
den Ton gestimmt, der sie mit andern zusammenstimmen 
ließe in harmonischer Stimmung? Solche Stimmung, unbe 
wußt und doch die Seele geleitend auf den Weg der höchsten 
Bewußtheit, des schweigenden Einverständnisses mit andern, 
kommt der Seele nur von einer einzigen Gewalt her: von der 
Kunst. Und nicht von der Kunst, wie sie sich selbst samt ihrem 
Schöpfer und ihrem Genießer am liebsten absondern würde 
von aller Welt in ein letztes Abseits, sondern allein von einer 
Kunst, die aus jenem Sonderreich den Rückweg ins Leben ge 
funden, wirklich gefunden hat, den schon jene in ihr Sonder 
reich gebannte Kunst allenthalben als ihre Erlösung von sich 
selbst gesucht hatte. Erst die Künste, die man mit einem als 
Herabwertung gemeinten, in Wahrheit sie adelnden Namen
        

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