Full text: Der Stern der Erlösung

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DRITTER TEIL: ZWEITES BUCH 
In der christlichen Welt traten sie von Anfang an auseinander. 
In der Aufrechterhaltung dieser Trennung vollzieht sich seit 
dem die Geschichte der christlichen Welt. Es ist nicht so, daß 
etwa nur die Kirche christlich wäre und der Staat nicht. Das 
»Gebet dem Kaiser was des Kaisers ist« wog im Laufe der 
Jahrhunderte nicht leichter als die zweite Hälfte des Spruchs. 
Denn vom Kaiser aus ging das Recht, dem sich die Völker 
beugen. Und im allgemeinen Rechtszustand auf Erden voll 
endet sich das Werk der göttlichen Allmacht, die Schöpfung. 
Schon der Kaiser, dem man geben sollte, was sein war, hatte 
einer rechtseinigen Welt geboten. Die Kirche selbst übermit 
telte die Erinnerung daran und die Sehnsucht nach einer Er 
neuerung dieses Zustandes einem späteren Zeitalter. Der Papst 
war es, der dem Franken Karl den Stirnreif der Cäsaren um 
legte. Ein Jahrtausend hat er auf dem Haupt seiner Nachfolger 
geruht; in schwerem Kampf mit der Kirche selbst, die gegen 
jenen doch von ihr genährten allgemeinen Anspruch des Kaiser 
rechts ihr Vor- und Eigenrecht aufstellte urfd verteidigte. Im 
Kampf der beiden gleich allgemeinen Rechte um die Welt 
wuchsen neue Gebilde groß, »Staaten«, die sich im Gegensatz 
zum Reich nicht das Recht auf die Welt, nur ihr eigenes zu 
erstreiten wähnten. Diese Staaten waren also aufgekommen 
als Rebellen gegen die in die Obhut des Kaisers gegebene 
Rechtseinheit der von der einen Schöpfermacht erschaffenen 
Welt. Und im Augenblick, wo sie festen Grund in der Schöp 
fung gefunden zu haben glauben durften, im Augenblick, wo 
der Staat sich eingenistet hatte in die natürliche Nation, wurde 
die Krone endgültig vom Haupte des römischen Kaisers ge 
nommen, und der neufränkische Nationalkaiser setzte sie sich 
auf. Ihm folgten als Vertreter ihrer Nationen andre nach; aber 
mit dem Namen des Kaisers schien auch der Wille zum Reich 
nun auf die Völker übergegangen zu sein; die Völker selbst 
wurden jetzt die Träger des übervölkischen weltgerichteten 
Willens. Und wenn dieser Wille zum Reich sich in den Völ 
kern wechselseitig zerrieben hat, so wird er eine neue Gestalt 
annehmen; denn er öffnet in seiner doppelten Verankertheit so
        

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