Full text: Der Stern der Erlösung

DIE STRAHLEN ODER DER EWIGE WEG 
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stalten des Priesters und des Heiligen in der Christenheit breit 
ausleben darf. Und wieder ist es nicht einfach so, daß der 
Priester etwa nur der Mensch ist, der zum Gefäß der Offen 
barung wird, der Heilige nur der, von dessen Liebeswärme 
die Frucht der Erlösung reift. Der Priester etwa ist ja nicht 
der Mensch schlechtweg, in dem das Wort des göttlichen 
Mundes die schlummernde Seele wachkiißt, sondern es ist der 
zu einer Gottebenbildlichkeit erlöste Mensch, der sich be 
reitet hat, zum Gefäß der Offenbarung zu werden. Und der 
Heilige — nur auf dem Grunde der soeben ihm, und immer 
soeben, gewordenen Offenbarung, nur in der immer neu ihm 
schmeck- und sichtbar gewordenen Nähe seines Herrn kann 
er liebend die Welt erlösen. Er kann gar nicht handeln, als 
wenn es keinen Gott gäbe, der ihm unmittelbar ins Herz legt, 
was er tun soll; gleich wie es dem Priester unmöglich wäre, 
das Priestergewand zu tragen, dürfte er nicht in den sicht 
baren Formen der Kirche sich schon die Erlösung und damit 
für sich, während er amtiert, die Gottebenbildlichkeit aneignen. 
Ein Stück Ketzerwillkür steckt in jenem Bewußtsein der gött 
lichen Eingebung, das der Heilige in sich hegt, ein Stück groß 
inquisitorischer Selbstvergötterung in jenem Aneignen der 
Gottesebenbildlichkeit im priesterlichen Kleide. Feierlich über 
persönliche Selbstvergötterung, momentan persönliche Will 
kür — der Kaiser von Byzanz, den ungeheuerster Pomp der 
strengsten Etikette hoch über alles Irdische und Zufällige ein- 
porhebt, der Revolutionär, der die Brandfackel seiner äugen 5 
blicklichen Forderung in jahrtausendalte Gebäude schleudert, 
— es sind die äußersten Grenzen von Form und Freiheit, 
zwischen denen das weite Land der Seele sich ausdehnt; der 
zwiegeteilte Weg der Christenheit durchmißt es ganz. 
Die Welt, die dem Juden voll ist von gleitenden Über 
gängen aus »dieser« in die »künftige« hin und her, gliedert sich 
dem Christen in die große Doppelordnung Staat und Kirche. 
Nicht unrichtig hat man von der heidnischen Welt gesagt, daß 
sie weder das eine noch das andre kannte. Die Polis war ihren 
Bürgern Staat und Kirche in eins, noch ganz ohne Gegensatz.
        

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