Full text: Der Stern der Erlösung

DIE STRAHLEN ODER DER EWIGE WEG 
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sind Strenge und Liebe in den beiden Personen der Gottheit 
gar nicht eigentlich geschieden. Und ebensowenig sind sie 
etwa nach Schöpfung und Offenbarung zu scheiden. Denn 
weder ist bei der Schöpfung der Sohn noch bei der Offen 
barung der Vater unbeteiligt. Sondern die christliche Fröm 
migkeit geht getrennte Wege, wenn sie beim Vater und wenn 
sie beim Sohn ist. Dem Sohn allein nähert sich der Christ mit 
jener Vertrautheit, die uns Gott gegenüber so natürlich vor 
kommt, daß es uns wiederum fast unvorstellbar geworden ist, 
daß es Menschen geben solle, die sich dieses Vertrauens nicht 
getrauen. Erst an der Hand des Sohnes wagt der Christ vor 
den Vater zu treten; nur durch den Sohn glaubt er zum Vater 
kommen zu können. Wäre der Sohn nicht Mensch, so wäre er 
dem Christen zu nichts nütze. Er kann sich nicht vorstellen, 
daß Gott selbst, der heilige Gott, sich so zu ihm herablassen 
könnte, wie er es verlangt, er werde denn anders selber 
Mensch. Das zuinnerst in jedem Christen unvertilgbare Stück 
Heidentum bricht da hervor. Der Heide will von menschlichen 
Göttern umgeben sein, es genügt ihm nicht, daß er selber 
Mensch ist: auch Gott muß Mensch sein. Die Lebendigkeit, 
die ja auch der wahre Gott mit den Göttern der Heiden gemein 
hat, dem Christen wird sie nur glaublich, wenn sie in einer 
eigenen gottmenschlichen Person Fleisch wird. Aber an der 
Hand dieses menschgewordenen Gottes schreitet er dann ver 
trauend wie wir durch das Leben und — anders als wir — 
voll erobernder Kraft; denn Fleisch und Blut läßt sich nur 
untertan machen von seinesgleichen, von Fleisch und Blut, und 
grade jenes »Heidentum« des Christen befähigt ihn zur Be 
kehrung der Heiden. 
Aber gleichzeitig geht er noch einen andern Weg, den Weg 
unmittelbar mit dem Vater. Wie er sich im Sohn Gott unmittel 
bar in die brüderliche Nähe seines eignen Ichs herangeholt hat, 
so mag er sich vor dem Vater wieder alles Eignen entledigen. 
In seiner Nähe hört er auf, Ich zu sein. Hier weiß er sich im 
Kreise einer Wahrheit, die alles Ichs spottet. Sein Bedürfnis 
nach der Nähe Gottes ist am Sohn befriedigt; am Vater hat er
        

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