Full text: Der Stern der Erlösung

DIE STRAHLEN ODER DER EWIGE WEG 
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So wird das Christentum, indem es den Augenblick zur 
epochemachenden Epoche macht, gewaltig über die Zeit. Von 
Christi Geburt an gibt es nun nur noch Gegenwart. Die Zeit 
prallt an der Christenheit nicht ab wie am jüdischen Volk, 
aber die flüchtige ist gebannt und muß als ein gefangener 
Knecht nun dienen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, 
die immerfort sich ineinander schiebenden, immerfort wan 
delnden, sind nun zu ruhigen Gestalten geworden, zu Ge 
mälden an den Wänden und Gewölben der Kapelle. Vergan 
genes, ein für alle Mal Stillstehendes, ist nun alles, was vor 
Christi Geburt liegt, sind Sybillen und Propheten. Und 
Zukunft, zögernd aber unausweichlich hergezogen Kommendes, 
ist das Jüngste Gericht. Dazwischen steht als eine einzige 
Stunde, ein einziger Tag, die christliche Weltzeit, in der alles 
Mitte, alles gleich taghell ist. Die drei Zeiten der Zeit sind so 
auseinandergetreten in ewigen Anfang, ewige Mitte, ewiges 
Ende des ewigen Wegs durch diese Zeitlichkeit. Die Zeitlich 
keit selber verlernt ihr Zutrauen zu sich selber und läßt sich 
in der christlichen Zeitrechnung diese Gestalt aufzwingen. Sie 
hört auf zu glauben, daß sie älter wäre als die Christenheit, 
sie zählt ihre Jahre vom Geburtstag der Christenheit an. Sie 
duldet, daß alles, was davor liegt, als verneinte, gewisser 
maßen als unwirkliche Zeit erscheint. Das Zählen der Jahre, 
durch das sie bisher die Vergangenheit er-zählt hatte, wird 
jetzt zum Vorrecht der Gegenwart, des ewig gegenwärtigen 
Wegs. Und die Christenheit schreitet diesen Weg, auf dem ihr 
die Zeit nun als gehorsame Schrittzählerin folgt, schreitet ihn 
gelassen und ihrer ewigen Gegenwart sicher, immer in der 
Mitte des Geschehens, immer im Ereignis, immer auf dem 
Laufenden, immer mit dem Herrscherblick des Bewußtseins, 
daß es der ewige Weg ist, den sie schreitet. 
Die Christenheit — aber sind das nicht Menschen, Ge 
schlechtsfolgen, Völker, Reiche? Menschen verschieden an 
Alter, Stand, Geschlecht, an Farbe, Bildung und Gesichtskreis, 
an Gaben und Kräften? Und sollen nun doch in jedem Augen
        

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