Full text: Der Stern der Erlösung

DRITTER TEIL: ZWEITES BUCH 
noch immer zwischen Abgang und Ziel ist. Daß er es ist, 
mehr nicht, sagt ihm, so oft er aus dem Fenster schaut, der 
noch immer draußen vorüberziehende Strom der Zeit. Wer 
auf dem Strom selber fährt, sieht immer nur von einer Krüm 
mung bis zur nächsten. Wer auf dem eisernen Wege fährt, 
dem ist der Strom im ganzen nur ein Zeichen, daß er noch 
unterwegs ist, nur ein Zeichen des Zwischen. Er kann nie 
über dem Anblick des Stromes vergessen, daß sowohl der Ort, 
von dem er kommt, wie der Ort, zu dem er fährt, 
jenseits des Stromgebiets liegen. Fragt er sich, wo denn 
er jetzt, in diesem Augenblick sei, so gibt ihm darauf 
der Strom keine Antwort; die Antwort aber, die er sich 
selber gibt, ist immer nur: unterwegs. Solange der Strom 
dieser Zeitlichkeit überhaupt noch fließt, solange ist er selber 
in jedem Augenblick mitten zwischen Anfang und Ende seiner 
Fahrt. Beide, Anfang und Ende, sind ihm in jedem Augenblick 
gleich nah, weil beide im Ewigen sind; und nur dadurch weiß 
er sich in jedem Augenblick als Mittelpunkt. Als Mittelpunkt 
nicht eines Horizonts, den er übersieht, sondern als Mittel 
punkt einer Strecke, die aus lauter Mittelpunkt besteht, ja die 
ganz Mitte, ganz Zwischen, ganz Weg ist. Nur weil sein Weg 
ganz Mitte ist und er das weiß, nur deshalb kann und muß er 
jeden Punkt dieses Wegs als Mittelpunkt empfinden; die ganze 
Strecke, indem sie aus lauter Mittelpunkten besteht, ist eben 
nur ein einziger Mittelpunkt. Das Wort des Cherubinischen 
Wandersmanns »Wär’ Christus tausendmal in Bethlehem 
geboren und ists nicht auch in dir, so bist du doch verloren« 
ist dem Christen nur in der kühnen Prägnanz des Ausdrucks, 
nicht im Gedanken paradox. Nicht als Augenblick also wird 
der Augenblick dem Christen zum Vertreter der Ewigkeit, 
sondern als Mittelpunkt der christlichen Weltzeit; und diese 
Weltzeit besteht, da sie nicht vergeht sondern steht, aus 
lauter solchen »Mittelpunkten«; jedes Ereignis steht mitten 
zwischen Anfang und Ende des ewigen Wegs und ist durch 
diese Mittelstellung im zeitlichen Zwischenreich der Ewigkeit 
selber ewig.
        

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