Full text: Der Stern der Erlösung

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DRITTER TEIL: ZWEITES BUCH 
gangenheit gibt es jenes stehende Nebeneinander der Stunden; 
hier gibt es Epochen, Haltepunkte in der Zeit, und sie sind 
daran zu erkennen, daß ihnen Zeit vorangeht, Zeit folgt; sie 
sind zwischen Zeit und Zeit. 
Nur als solches Zwischen aber gewinnt die Zeit Gewicht, 
also daß sie nicht mehr pfeilschnell verfliegen kann. Die 
Epoche geht nicht mehr vorüber, ehe ichs gewahr werde, und 
verwandelt sich, ehe ichs merke. Sondern sie bedeutet etwas. 
»Etwas« — also sie hat Dinghaftigkeit, sie ist wie ein Ding. 
In der Vergangenheit formt sich der Weltlauf zu unverrück 
baren »Dingen«, zu Zeitaltern, Epochen, großen Augenblicken. 
Und er kann es nur, weil in der Vergangenheit die verfliegen 
den Augenblicke als Haltepunkte festgehalten werden, gehalten 
zwischen einem Vor und einem Nach. Als Zwischen entgleiten 
sie nicht mehr, als Zwischen haben sie Bestand, stehen sie 
gleich Stunden. Über die Vergangenheit, die aus lauter 
Zwischen besteht, hat die Zeit ihre Macht verloren; der Ver 
gangenheit kann sie nur noch zufügen, aber ändern kann sie 
an ihr höchstens noch durch das Zugefügte; in ihren inneren 
Zusammenhang kann sie nicht mehr eingreifen, der steht fest, 
jeder Punkt zwischen andern Punkten; der chronikalische 
Gleichtakt der Jahre, der die Gegenwart so zu beherrschen 
scheint, daß vergebens die Ungeduld des Weltverbesserers, 
der Notschrei des seiner Schicksalswende gewärtigen Un 
glücklichen sich dagegen aufbäumen, — in der Vergangenheit 
verliert er seine Macht; hier beherrschen die Ereignisse die 
Zeit, nicht umgekehrt. Epoche ist, was zwischen seinem Vor 
und Nach — steht; wieviel Jahre die Chronik ihr zuweist, das 
kümmert sie wenig; jede Epoche wiegt gleichviel, einerlei ob 
sie Jahrhunderte oder Jahrzehnte oder nur Jahre dauerte. Die 
Ereignisse regieren hier die Zeit, indem sie ihre Kerben in sie 
schlagen. Ereignis aber ist nur innerhalb der Epoche, Ereignis 
steht zwischen Vor und Nach. Und stehendes Zwischen gibt 
es nur in der Vergangenheit. Sollte auch die Gegenwart also 
zur Freiherrin der Zeit erhoben werden, so müßte auch sie ein 
Zwischen sein; die Gegenwart müßte epoche=machend wer 
den, jede Gegenwart. Und die Zeit als Ganzes müßte Stunde
        

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