Full text: Der Stern der Erlösung

DAS FEUER ODER DAS EWIGE LEBEN 
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Augenblick, und jeden folgenden Augenblick neu, herrisch 
ergreift und nach seinem Willen und seinem Vermögen formt. 
In jedem Augenblick bringt der Staat den Widerspruch von 
Erhaltung und Erneuerung, altem und neuem Recht, gewaltsam 
zum Austrag. Das ist jene ständige Lösung des Widerspruchs, 
die der Lebenslauf des Volks von sich aus durch das Weiter 
fließen der Zeit nur immerfort vertagt; der Staat nimmt sie in 
Angriff; ja er ist weiter nichts als dies jeden Augenblick vor 
genommene Lösen des Widerspruchs. 
So ist Krieg und Revolution die einzige Wirklichkeit, die 
der Staat kennt, und in einem Augenblick, wo weder das eine 
noch das andre statthätte — und sei es auch nur in Gestalt 
eines Gedankens an Krieg oder Revolution —, wäre er nicht 
mehr Staat. Er kann keinen Augenblick das Schwert aus der 
Hand legen; denn er muß es jeden Augenblick wieder 
schwingen, um mit ihm den gordischen Knoten des Volkslebens, 
den Widerspruch zwischen Vergangenheit und Zukunft, den 
das Volk in seinem natürlichen Leben nicht löst, nur weiter 
schiebt, zu zerhauen. Aber indem er ihn zerhaut, schafft er in 
jedem Augenblick, und freilich nur immer für diesen einzelnen 
Augenblick, den Widerspruch aus der Welt und staut so den 
immerfort in alle Zeit bis zum endlichen Münden in den Ozean 
der Ewigkeit sich selber verleugnenden Fluß des Lebens der 
Welt in jedem Augenblick zum stehenden Gewässer. So aber 
macht er jeden Augenblick zur Ewigkeit. Er schließt in jedem 
den Widerspruch von alt und neu durch die gewaltsame Ver- 
neuerung des Alten, die dem Neuen die rechtliche Kraft des 
Alten verleiht, zum Kreis. Das Neue folgt nicht dem Alten, 
sondern es schmilzt in der kühnen Verdichtung zu einem 
»neuen Recht« mit dem Alten für den Augenblick unlösbar zu 
sammen. Der Augenblick bleibt durchaus Augenblick; er ver 
geht. Aber solange er nicht vergangen ist, solange ist er in 
sich eine kleine Ewigkeit; denn solange hat er in sich nichts, 
was über ihn hinauswill, da das Neue, das sonst immerfort über 
das Alte kommt, in seinem Bannbereich für den Augenblick ge 
bändigt ist. Erst der neue Augenblick bricht die Gewalt des
        

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