Full text: Der Stern der Erlösung

DRITTER TEIL: ERSTES BUCH 
muß mit dem Gedanken eines möglichen Untergangs vertraut 
werden; ob es als Volk zu einem Stein-im Bau des Reichs ge 
braucht werden wird, — das Bewußtsein der Einzelnen ent 
scheidet darüber nichts; der Krieg allein, der über das Be 
wußtsein der Einzelnen hinwegrast, entscheidet. 
Gegenüber diesem ständigen Leben im Glaubenskrieg hat 
nun das jüdische Volk seinen Glaubenskrieg in mythischer 
Vergangenheit hinter sich liegen. So sind alle Kriege, die es 
noch nicht erlebt, ihm rein politische Kriege. Und da es nun 
doch den Begriff des Glaubenskrieges hat, so kann es sie nicht, 
wie die antiken Völker, denen dieser Begriff fremd war, ernst 
nehmen. Ja der Jude ist eigentlich der einzige Mensch in der 
christlichen Welt, der den Krieg nicht ernst nehmen kann, 
und so ist er der einzige echte »Pazifist«. So aber scheidet er 
sich, grade weil er die vollkommene Gemeinschaft in seinem 
geistlichen Jahr erlebt, ab von der weltlichen Zeitrechnung, 
auch nachdem diese aufgehört hat, jedem Volke eine besondere 
zu sein, und als christliche Zeitrechnung der ganzen Welt 
grundsätzlich gemeinsam geworden ist. Was er im alljähr 
lichen Kreislauf schon als ein Ereignis besitzt, die Unmittel 
barkeit aller Einzelnen zu Gott in der vollkommenen Gemein 
schaft Aller mit Gott, das braucht er nicht mehr im langen 
Gang einer Weltgeschichte zu erwerben. 
Das jüdische Volk ist für sich schon an dem Ziel, dem die 
Völker der Welt erst zuschreiten. Es besitzt die innere Ein 
tracht von Glauben und Leben, die als Eintracht von fides und 
salus Augustin wohl der Kirche zuschreiben darf, die aber den 
Völkern in der Kirche noch ein bloßer Traum ist. Freilich in 
dem es sie besitzt, steht es außerhalb der Welt, die sie noch 
nicht besitzt; indem es den ewigen Frieden lebt, steht es 
außerhalb einer kriegerischen Zeitlichkeit; indem es am Ziel 
ruht, das es sich in der Hoffnung vorwegnimmt, scheidet es 
sich aus dem Zuge derer, die sich ihm in der Arbeit der Jahr 
hunderte nahen. Seine Seele, die im Schauen der Hoffnung ge 
sättigt ist, stirbt der Arbeit, der Tat, dem Kampf um die Welt 
ab. Die Weihe, die über es als ein Reich von Priestern ausge-
        

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