Full text: Der Stern der Erlösung

DAS FEUER ODER DAS EWIGE LEBEN 
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gar nicht aufs Spiel gesetzt werden darf. Woran soll denn die 
Welt genesen, wenn dieses Volkes Wesen aus ihr getilgt wird? 
Und je ernsthafter ein Volk so die Einigung von »Salus« und 
»Fides«, eigenem Dasein und eigenem Weltsinn, in sich voll 
zogen hat, um so rätselhafter wird ihm die Möglichkeit, die 
ihm der Krieg erschließt: die Möglichkeit des Untergangs. Und 
so rückt ihm der Krieg in den Mittelpunkt seines Lebens. Die 
Staaten des Altertums hatten zum Mittelpunkt ihres staatlichen 
Daseins den öffentlichen Kult, die Opfer, Feste und dergleichen; 
der Krieg, der den Feind von den Grenzen wehrte, schirmte 
gewiß die heimischen Altäre, aber er war nicht selbst Opfer, 
nicht selbst kultische Handlung, nicht selbst Altar. Der »Glau 
benskrieg«, der Krieg als religiöse Handlung, blieb der Christ» 
liehen Weltzeit Vorbehalten, nachdem ihn das jüdische Volk 
entdeckt hatte. 
Zu den bedeutsamsten Stücken unsres alten Gesetzes ge 
hört die Unterscheidung des gewöhnlichen Kriegs gegen ein 
»sehr fernes« Volk, der nach den allgemeinen Regeln des 
Kriegsrechts geführt wird, für die der Krieg eine gewöhnliche 
Lebensäußerung gleichartiger Staatsgebilde ist, und des 
Glaubenskriegs gegen die »sieben Völker« Kanaans, durch den 
sich das Volk Gottes den ihm notwendigen Lebensraum er 
obert. In dieser Unterscheidung steckt die neue Ansicht des 
Kriegs als um Gottes willen notwendiger Handlung. Die Völ= 
ker der christlichen Weltzeit können jene Unterscheidung 
nicht mehr aufrecht erhalten. Dem keine Grenzen duldenden 
Geist des Christentums gemäß gibt es für sie keine »sehr fer 
nen« Völker. Was das jüdische Recht staatsrechtlich scheiden 
konnte, Glaubenskrieg und Staatskrieg, das mischt sich ihnen 
in eins. Grade weil sie nicht wirkliche Gottesvölker sind, son 
dern erst auf dem Wege, es zu werden, können sie jene 
scharfe Grenze. nicht ziehen; sie können gar nicht wissen, 
wie weit ein Krieg Glaubenskrieg ist, wie weit bloß weltlicher 
Krieg. Aber auf jeden Fall wissen sie, daß irgendwie Gottes 
Wille sich in den kriegerischen Geschicken ihres Staates ver 
wirklicht. Irgendwie — das Wie bleibt rätselhaft; das Volk
        

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