Full text: Der Stern der Erlösung

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DRITTER TEIL: ERSTES BUCH 
sondern wesentlich Erneuerung, nicht bloße Neuschöpfung, 
sondern Umschaffung des Veralteten in der augenblicklichen 
Tat. Das gemeinsame Leben, das also geboren wird, soll ein 
schweigendes Leben, lebendiges Schweigen sein; so können 
wir es nur im leiblichen Leben zu finden erwarten. Die Um 
schaffung, die Umwechslung des veralteten Stoffes geschieht 
im Mahl. Essen und Trinken ist schon für den Einzelnen die 
Neugeburt seines leiblichen Menschen. Das gemeinsame Mahl 
ist auch für die Gemeinschaft die Handlung, in der sie wieder 
geboren wird zum bewußten Leben. 
Die schweigende Gemeinsamkeit des Hörens und Gehor- 
chens stiftet schon die kleinste Gemeinschaft, die des Hauses; 
daß dem Wort des Hausvaters ge=horcht wird, ist der Grund, 
auf dem das Haus steht. Aber das gemeinsame Leben des 
Hauses lebt nicht im gemeinsamen Gehorchen, sondern im 
Mahl, zu dem sich alle Glieder des Hauses um den Tisch ver 
sammeln; hier ist jeder dem andern gleich, jeder indem er für 
sich lebt dennoch mit allen andern vereint: nicht das Tisch 
gespräch begründet diese Einheit, wie es denn auf dem Lande 
vielfach gar nicht üblich, ja wider den Anstand ist; jedenfalls 
begründet es die Einheit nicht, sondern ist höchstens ihre 
Äußerung. Gesprochen werden kann auch auf Straße und Platz, 
so wie sich Leute zufällig begegnen; gemeinsames Mahl da 
gegen bedeutet immer eine wirkliche, bewirkte und wirkende 
Gemeinschaft; in dieser an sich wortlosen Gemeinsamkeit des 
gemeinsamen Mahls ist die Gemeinschaft als eine wirkliche im 
Leben lebendige dargestellt. 
Wo gemeinsames Mahl ist, da ist solche Gemeinschaft. So 
im Haus, so aber auch in Klöstern, Logen, Kasinos, Verbin 
dungen. Und wo sie fehlt, etwa wie in Schulklassen oder gar 
in bloßen Vorlesungen oder selbst in Seminarübungen, da ist 
sie nicht, obwohl doch die Grundlage der Gemeinschaft, das 
gemeinsame Hören, hier durchaus da ist; erst gesellige Ver 
anstaltungen wie Schulausflüge, Seminarabende erbauen auf 
solch bloßer Grundlage das wirkliche Gemeinschaftsleben. Jene 
Scham, die sich bei Naturvölkern dem Gedanken des gemein-
        

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