Full text: Der Stern der Erlösung

DAS FEUER ODER DAS EWIGE LEBEN 
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Parteien unter den Hörern, also grade das Gegenteil des allen 
Anwesenden gemeinsamen Hörens. Es ist das Wesen der 
»Programmrede«, daß sie »gehalten«, nicht gesprochen wird; 
da soll eine Versammlung, koste es was es wolle, zur ge 
schlossenen Übereinstimmung gebracht werden; notwendig 
muß sich da der Redner zum bloßen Vortragenden eines 
fertigen Programms machen. Das gemeinsame Hören, das 
nichts als Hören wäre, das Hören, wo eine Menge »ganz Ohr« 
wird, entsteht nicht durch den Sprecher, sondern nur durch 
das Zurücktreten des lebendig sprechenden Menschen hinter 
den bloßen Vorleser, ja noch nicht einmal hinter den vor 
lesenden Menschen, sondern hinter das verlesene Wort. Daß 
die Predigt über einen »Text« gehen muß, hat hier seinen 
Grund; nur der Zusammenhang mit dem Text sichert ihr das 
»andächtige« Zuhören aller; das freie Wort des Predigers 
dürfte eine solche Andacht gar nicht erzielen wollen; es müßte 
als eine Kraft der Scheidung in die Hörer fahren; aber der 
Text, welcher der versammelten Gemeinde als das Wort ihres 
Gottes gilt, schafft dem, der ihn verliest, das gemeinsame Hören 
aller Versammelten; indem er dann alles, was er zu sagen hat, 
als Ausführung jenes Textes gibt, hält er sich jenes gemeinsame 
Hören während seiner ganzen Predigt lebendig. Denn eine 
Predigt, die Zwischenrufe hervorrufen würde, oder bei der die 
Hörer nur mit Mühe sich solcher enthielten, eine Predigt, bei 
der sich das Schweigen der Hörer noch anders als im gemein 
samen Lied entladen möchte, wäre eine ebenso mangelhafte 
Predigt, wie sie etwa eine gute politische Ansprache wäre, und 
wiederum wäre es eine schlechte politische Rede, die ganz 
ohne Zwischenrufe, ohne »Hört«, ohne Beifall, ohne Heiterkeit 
und Unruhe bliebe. Die Predigt wie der verlesene Text selber 
ist dazu da, das gemeinsame Schweigen der versammelten 
Gemeinde zu schaffen. Und ihr Wesen ist also nicht, daß sie 
Rede, sondern daß sie Exegese ist; die Verlesung des Schrift 
worts ist die Hauptsache; denn in ihr allein wird die Gemein 
samkeit des Hörens und damit der feste Grund aller Gemein 
samkeit der Versammelten geschaffen.
        

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