Full text: Der Stern der Erlösung

386 
DRITTER TEIL: ERSTES BUCE1 
doch auf den Lobgesängen Israels. Für die Sünde der Völker 
tritt Israel vor ihm ein, und wird mit Krankheit geschlagen, auf 
daß jene Heilung finden, — vor Gott stehen sie beide, Israel 
sein Knecht und die Könige der Völker, und unentwirrbar für 
menschliche Hände schlingt sich der Knoten von Leiden und 
Schuld, von Liebe und Gericht, von Sünde und Versöhnung. 
Der Mensch, der in Gottes Ebenbild geschaffene, auch er 
ist, wie er als jüdischer Mensch vor seinen Gott tritt, eine Her 
berge von Widersprüchen. Als Gottes Liebling, als Israel, 
weiß er sich von Gott erwählt und mag wohl vergessen, daß 
er nicht allein mit Gott ist, daß Gott noch andre kennt, mag 
nun er selber sie kennen oder nicht, und daß Gott auch zu 
Egypten und Assur spricht: »mein Volk«. Er weiß sich ge 
liebt — was kümmert ihn die Welt. Er mag in seliger Zwei 
einsamkeit mit Gott sich dem Menschen überhaupt gleichsetzen 
und verwundert um sich schauen, wenn ihn die Welt daran 
zu erinnern sucht, daß nicht in allen das gleiche Gefühl der un 
mittelbaren Gotteskindschaft lebt wie in ihm. Und dennoch, 
niemand wiederum weiß genauer als er, daß Gottes Liebling 
zu sein nur einen Anfang bedeutet und daß der Mensch noch 
unerlöst bleibt, solang bloß dieser Anfang verwirklicht ist. 
Gegen Israel, den ewig Gottgeliebten, ewig Treuen, ewig Voll 
endeten, steht der ewig Kommende und ewig Wartende, ewig 
Wandernde, ewig Wachsende, steht Messias. Gegen den 
Menschen des Anfangs, Adams des Menschen Sohn, steht der 
Mensch des Endes, der Sohft Davids des Königs, gegen den aus 
dem Stoff der Erde und dem Hauch des göttlichen Mundes 
Geschaffnen das Reis aus gesalbtem Königsstamm, gegen den 
Erzvater der späteste Sproß, gegen den Ersten, der sich ein 
hüllt in den Mantel der göttlichen Liebe, der Letzte, von dem 
das Heil geht zu den Enden der Erde, gegen die ersten Wunder 
die letzten, davon es heißt, sie würden größer sein als jene. 
Die Welt, die jüdische, wie sie unter der Kraft des unend 
lich verzweigten, über jedem Ding gesprochenen Segens ganz 
entdinglicht ist und ganz beseelt, auch sie ist doch eine dop 
pelte und voller Zwiespalt in jedem Ding. Alles was in ihr
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.