Full text: Der Stern der Erlösung

DAS FEUER ODER DAS EWIGE LEBEN 381 
die Völker der Welt in der eignen Sitte leben und im eignen 
Gesetz. Denn in diesen beiden, in Sitte und Gesetz, in dem von 
gestern mit der Macht der Gewohnheit Überkommenen und 
dem für morgen Festgesetzten, lebt ein Volk seinen Tag. Der 
Tag steht zwischen dem von gestern und dem von morgen, und 
alles Leben bewährt seine Lebendigkeit darin, daß es nicht 
beim Tag stehen bleibt, sondern ihn täglich ins Gestern rückt 
und an seine Stelle den Tag von morgen treten läßt und so 
immer fort. So sind auch die Völker lebendig, indem sie immer 
fort ihr Heute in neue Sitte, neues Ewig=Gestriges, verwandeln 
und gleichzeitig aus ihrem Heute heraus neues Gesetz für das 
Morgen setzen. Das Heute wird so im Leben der Völker zum 
pfeilschnell verfliegenden Augenblick. Und so lange dieser 
Pfeil fliegt, solange sich immerfort neue Sitte zur alten fügt, 
neues Gesetz das alte überholt, so lange fließt der Fluß des 
Lebens im Volk lebendig weiter; solange kann der Augenblick 
nicht zum Festen erstarren, sondern bleibt bloß die allzeit 
weitergeschobene Scheide zwischen der allzeit gemehrten Ver 
gangenheit und der allzeit überholend herübergeholten Zukunft. 
Solange leben die Völker in der Zeit. Solange ist die Zeit 
ihnen Erbteil und Acker. Zum eignen Boden und der eignen 
Sprache gewinnen sie sich in der gemehrten Sitte und dem 
erneuerten Gesetz die letzte und stärkste Gewähr des eignen 
Lebens: die eigne Zeit. Solange ein Volk seine eigne Zeit 
rechnet — und es rechnet sie nach dem Alter des noch leben 
digen Besitzes an Sitte und Erinnerung und nach der steten 
Erneuerung seiner gesetzgebenden Mächte, seiner Vorsteher 
und Könige, — solange ist es mächtig über die Zeit, solange 
ist es nicht gestorben. 
Und wieder erkauft sich das ewige Volk seine Ewigkeit um 
den Preis des zeitlichen Lebens. Ihm ist die Zeit nicht seine 
Zeit, nicht Acker und Erbteil. Ihm erstarrt der Augenblick und 
steht fest zwischen unvermehrbarer Vergangenheit und un 
beweglicher Zukunft; so hört der Augenblick auf zu verfliegen. 
Sitte und Gesetz, Vergangenheit und Zukunft, werden zu zwei 
unveränderlichen Massen; und indem sie das werden, hören
	        

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