Full text: Der Stern der Erlösung

376 
DRITTER TEIL: ERSTES BUCH 
Gegenwart. Jede andre, jede nicht blutmäßig sich fortpflan 
zende Gemeinschaft kann, wenn sie ihr Wir für die Ewigkeit 
festsetzen will, es nur so tun, daß sie ihm einen Platz in der 
Zukunft sichert; alle blutlose Ewigkeit gründet sich auf den 
Willen und die Hoffnung. Die Blutgemeinschaft allein spürt die 
Gewähr ihrer Ewigkeit schon heute warm durch ihre Adern 
rollen. Ihr allein ist die Zeit kein zu bändigender Feind, über 
den sie vielleicht, vielleicht auch nicht — doch sie hofft es — 
obsiegen wird, sondern Kind und Kindeskind. Was andern 
Gemeinschaften Zukunft und also ein der Gegenwart jeden 
falls noch Jenseitiges ist, — ihr allein ist es schon Gegenwart; 
ihr allein ist das Zukünftige nichts Fremdes, sondern ein 
Eigenes, etwas was sie in ihrem Schoße trägt, und jeden Tag 
kann sie es gebären. Während jede andre Gemeinschaft, die 
auf Ewigkeit Anspruch macht, Anstalten treffen muß, um die 
Fackel der Gegenwart an die Zukunft weiterzugeben, bedarf 
die Blutsgemeinschaft allein solcher Anstalten der Überliefe 
rung nicht; sie braucht den Geist nicht zu bemühen; in der 
natürlichen Fortpflanzung des Leibes hat sie die Gewähr ihrer 
Ewigkeit. 
Was vom Volk überhaupt als der Vereinigung der Bluts 
familien gegenüber allen Gemeinschaften des Geistes gilt, das 
gilt nun in ganz besonderer Weise von dem unsern. Das jü- 
disch£ Volk ist unter den Völkern der Erde, wie es sich selber 
auf der allsabbatlichen Höhe seines Lebens nennt: das eine 
Volk. Die Völker der Welt können sich nicht genügen lassen 
an der Gemeinschaft des Bluts; sie treiben ihre Wurzeln in die 
Nacht der selber toten, doch lebenspendenden Erde und neh 
men von ihrer Dauer Gewähr der eigenen Dauer. Am Boden 
und an seiner Herrschaft, dem Gebiet, klammert sich ihr Wille 
zur Ewigkeit fest. Um die Erde der Heimat fließt das Blut ihrer 
Söhne; denn sie trauen nicht der lebendigen Gemeinschaft des 
Bluts, die nicht verankert wäre in dem festen Grund der Erde. 
Wir allein vertrauten dem Blut und ließen das Land; also 
sparten wir den kostbaren Lebenssaft, der uns Gewähr der 
eigenen Ewigkeit bot, und lösten allein unter allen Völkern
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.