Full text: Der Stern der Erlösung

VOM REICH 
373 
Stammeln der Qeberdensprache, dieser kümmerlichen Not 
brücke der Verständigung. Daher kommt es, daß das Höchste 
der Liturgie nicht das gemeinsame Wort ist, sondern die ge 
meinsame Qeberde. Die Liturgie erlöst die Geberde von der 
Fessel, unbeholfne Dienerin der Sprache zu sein, und macht 
sie zu einem Mehr als Sprache. In der liturgischen Geberde 
allein ist die »geläuterte Lippe« vorweggenommen, die den all 
zeit sprachgeschiedenen Völkern für »jenen Tag« verheißen 
ist. In ihr wird die karge Stummheit der ungläubigen Glieder 
beredt, die überfließende Redseligkeit des gläubigen Herzens 
stille. Unglaube und Glaube vereinen ihr Gebet. 
Sie vereinen es im Schweigen der liturgischen Geberde — 
vereinen sie es nie im weltlichen Wort? Gibt es kein leben 
diges Werk — und sei es auch bloß ein einzelnes, bloß ein 
Zeugnis der Zusammengehörigkeit —, worin die beiden Ge 
bete, das des Mannes des* Lebens und das des Manns Gottes, 
sich in eins fügen? Erinnern wir uns, was wir in der Einleitung 
des vorigen Teils über Theologie und Philosophie sagten. Sie 
erschienen uns wechselweise auf einander angewiesen. Das 
war eine Wechselbedürftigkeit zweier Wissenschaften. Ist 
es nicht mehr? Wer Wissenschaft treibt, ist ja mehr als das, 
was er treibt. Der Philosoph muß mehr sein als die Philo 
sophie. Wir hörten: er muß Mensch sein, Fleisch und Blut. 
Aber es genügt nicht, daß er das bloß ist. Er muß als Fleisch 
und Blut, das er ist, das Gebet der Geschöpfe beten, das Gebet 
zum eigenen Schicksal, worin eben das Geschöpf sich unge- 
wußt als Geschöpf bekennt. Die Weisheit, die in ihm, in seinem 
Fleisch und Blut wohnt, — Gott hat sie ihm anerschaffen; als 
reife Frucht hängt sie nun am Baum des Lebens. Und der 
Theolog muß mehr sein als Theologie. Wir hörten: er muß 
wahrhaftig sein, er muß Gott lieben. Und es genügt nicht, daß 
er es für sich in seinem Kämmerlein tut. Er muß als einsamer 
Liebender, der er ist, das Gebet der Kinder Gottes sprechen, 
das Gebet der gottesfürchtigen Gemeinde, worin er sich be 
wußt als Glied ihres unsterblichen Leibes bekennt. Die Weis 
heit, die in ihm, in seinem ehrfürchtigen Herzen wohnt, —
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.